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Das Stadtgespräch September 2018

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40 Das

40 Das Stadtgespräch Der Louvre wurde eine ganze Kulturinsel geschaffen: die künstlich erweiterte Insel Saadiyat. Eine spektakuläre Philharmonie lädt weltberühmte Orchester zu klassischen Konzerten. Und auch die Mehrzweckhalle entspricht nicht gerade der Verler Eierhalle, sondern bietet Raum für Opern- und Theateraufführungen von internationalem Rang. Das neueste Kulturjuwel ist jedoch der Louvre Abu Dhabi, der im November 2017 eröffnet wurde. Dreißig Jahre lang darf das Museum sich Louvre nennen. Das französische Original profitiert davon, denn es fließen zunächst einmal 400 Millionen Euro nach Paris. Ein jährlicher Ankaufsetat von 40 Millionen Euro ermöglicht es den Betreibern des Louvre Abu Dhabi, die ohnehin schon stattliche Sammlung zu erweitern. Zu sehen sind Exponate aus der Antike bis ins 21. Jahrhundert – der Original-Louvre stellt nur Kunstwerke bis zu der Zeit um 1850 aus. Dabei ist das Gebäude an sich schon sehenswert. Architekt Jean Nouvel wurde beauftragt, ein Museum zu konzipieren, das die moderne Architektur mit der arabischen Tradition verbinden sollte. Der entstandene Gebäudekomplex besteht aus 55 nebenund übereinander angeordneten Quaderbauten, die mit ihren Flachdächern und den dazwischenliegenden an eine arabische Altstadt erinnern sollen. Umgeben ist das Ganze von mehreren Wasserbecken. Eine flache Kuppel von 180 Metern Durchmesser überspannt den ganzen Komplex. Durch mehrere Tausend Metallsterne, die die netzartige Konstruktion bilden, fällt das Licht in Strahlen auf die Gebäude. Als nächstes Bauwerk auf der Insel ist ein Guggenheim- Museum nach dem Muster Bilbaos geplant. Das leere Viertel Doch was den Besucher aus dem Norden wirklich beeindruckt ist nicht die volle Metropole oder die megalomanen Bauvorhaben, sondern die große Leere. Und die kann man erfahren, wenn man der zwölfspurigen Autobahn folgt, die schon bald vier-, dann zweispurig, dann zur Landstraße wird, an deren Rand Warnschilder nicht vor frei laufenden Kühen, sondern vor freilaufenden Kamelen warnen. Die Wüste ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten nie weit. Und sie ist tief verankert im Bewusstsein der Bewohner und das ist auch für uns Reisende gut. Die Herrscherfamilie legt ausdrücklich Wert darauf, dass die Einwohner nicht nur die neu geschaffenen Ressorts am Meer zur Erholung nutzen, sondern auch Hotels in der Wüste. Gleichzeitig werden beispielsweise die nahezu ausgestorbenen Oryx-Antilopen von den Hotels wieder ausgewildert. Wobei Hotel nicht ganz das ist, was den Besucher erwartet. Wohnen fast wie Beduinen Die Wüste Rub al-Chali (auch in der englischen Umschreibung Rub-al- Khali) ist nicht irgendeine Wüste. Obwohl in Europa wenig bekannt, ist sie doch die größte Sandwüste der Erde. Der Name bedeutet »Leeres Viertel« und das zu Recht, denn die gewaltige Fläche von 680.000 Quadratkilometern, also beinahe zweimal so groß wie die Bundesrepublik, ist so gut wie unbewohnt. Während die Sahara, die überwiegend eine Stein- oder Felswüste beziehungsweise eine Kies- oder Geröllwüste ist, noch heute von Handelswegen durchzogen ist und entsprechend Menschen in Oasen leben, wird die Rub al-Chali seit etwa 300 n. Chr. nicht mehr durchquert. Zuvor gab es Handelsrouten, auf denen Karawanen vor allem Weihrauch bis zum Mittelmeer schafften. Doch die Wüste ist hyperarid, soll heißen, dass die Niederschläge bei 40 Millimetern liegen, pro Jahr wohlgemerkt! Besiedelt ist das riesige Gebiet nur am Rande, wenn man die provisorischen Behausungen der Beduinen, die hier ihre Kamele frei herumlaufen lassen, als Besiedlung ansehen möchte. Die Kamele durchstreifen gewaltige Gebiete, kommen aber immer wieder zu ihren Besitzern zurück – nicht etwa aus Treue, sondern weil nur hier eigens herbeigeschafftes Wasser lockt. Das Wasser, das über gewaltige Meerwasserentsalzungsanlagen in den Emiraten gewonnen wird, lockt auch die Touristen aus

41 Das Wüstenschiff ist eher symbolisch bedeutsam. dem In- und Ausland, die zwar in zeltähnlichen Unterkünften oder solchen aus Schilf untergebracht sind, die aber gleichzeitig auf die Dusche, das WC und sogar auf den Pool nicht verzichten wollen. Letzteres sorgt dafür, dass jede Menge Vögel die Anlagen als Oase ansehen und bei Morgengrauen ein ohrenbetäubendes Konzert veranstalten, mitten in der Wüste. Ansonsten ist es sehr still in der Rub al-Chali, erschreckend still für manchen Großstadtmenschen. Doch es wird auch Action geboten. Die gewaltigen Sanddünen eignen sich für die (mühsame) Besteigung und für die Abfahrt mit dem Surfbrett. Allerdings nicht fürs Bauen, die Sandkörnung ist zu glatt, um damit Beton machen zu können. Der Bausand wird aus Australien importiert. Auch Jeep-Touren werden angeboten, und die sind eine Erfahrung für sich. Wer meint, er wüsste, was auf ihn zukommt, weil er schon mal in einer Sandgrube offroad gefahren ist, der muss umdenken. Die Fahrer gehen an die Grenzen der Physik mit ihren Fahrzeugen, die nicht dafür gebaut sind, Kinder zum Kicken zu fahren. Nach der ersten Düne habe ich mich im Wagen umgeschaut und zu meiner Beruhigung den Überrollbügel entdeckt, der mir ausgesprochen sinnvoll erschien. Auch hatte ich noch nie erlebt, wie eine Woge roten Sandes über ein Auto schlägt, als sei sie aus Wasser. Mein anfängliches Unbehagen darüber, dass die Tour über die Dünen vor dem Frühstück stattfand – immerhin gab es vorher schon einen Kaffee – wandelte sich in sofortiges Verständnis, denn mit vollem Magen sollte man von dieser Tour Abstand nehmen, gegen die eine Achterbahnfahrt ein Witz ist. Nach einer Nacht in der Wüste, nach Sonnenunter und -aufgang, nach Jeep-Tour mit unfassbaren Steigungen, nach dem zugegebener Maßen etwas dekadent anmutenden, aber sehr erfrischenden Bad im Pool mitten zwischen Sanddünen ging es dann zurück in die Zivilisation, vorbei an viel Sand und noch einmal Sand und vereinzelten Kamelen. Und dann kam doch noch ein menschgeschaffenes Highlight. Ich meine jetzt nicht den Fun-Park Ferrari World, der die schnellste Achterbahn der Welt beherbergt (240 km/h Höchstgeschwindigkeit) oder das 2005 eröffnete Luxushotel Emirate Palace, das schon von weitem sichtbar ist und das Sonderangebote hat, bei denen man das Zimmer schon für 500 Euro die Nacht bekommt. Ein Schnäppchen. Nein, die Rede ist von der Sheikh-Zayed- Moschee, die tatsächlich den Märchen aus 1001 Nacht entstiegen zu sein scheint. Die größte Moschee in den Vereinigten Arabischen Emiraten und die achtgrößte der Welt ist vielleicht am ehesten mit dem indischen Taj Mahal zu vergleichen. Allein 15 verschiedene Marmorsorten wurden in dem gewaltigen Bau, der Raum für 40.000 Gläubige bietet, verbaut. Die Hauptkuppel scheint in 75 Metern Höhe über dem Gebetssaal zu schweben. Überhaupt kennzeichnet den Bau, der 224 mal 174 Meter misst, eine Leichtigkeit, die im Gegensatz zu den Ausmaßen zu stehen scheint. Wer hier nicht beeindruckt ist, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Beeindrucken ist ein gutes Stichwort, denn im letzten Teil unseres Berichts über den Besuch im Persischen Golf wird es um Dubai gehen, dem superlativsüchtigen Übermorgenland.

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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