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Das Stadtgespräch September 2016

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4 Das Stadtgespräch Rohmilch zum Selberzapfen Eigenes Obst im Hofladen klagt Hans-Jürgen Oesselke: »Das deckt bei weitem nicht die Herstellungskosten! Als Faustregel gilt, alles unter 30 Cent tut weh!« Vor dem Ende der Milchquote bekamen Rheda-Wiedenbrücker Bauern noch 36 Cent pro Liter! Eintrittsgeld für den eigenen Stall Bäuerin Petra Oesselke beschreibt, wie sich das Dilemma anfühlt: »Es ist so, als müßte man Eintritt zahlen, wenn man in den Stall geht«. Die Kühe der Familie grasen draußen vor dem Hof auf der gerade sattgrünen Weide. Insgesamt 60 Milchkühe werden hier gehalten. Sie geben zwar viel gute Milch, aber sie bringen zu wenig Geld in die Hofkasse. Bei Preisen von 40 Cent, für die man in Rheda-Wiedenbrück schon einen Liter Milch bekommen kann, kein Wunder. »Es gibt einfach zuviel Milch«, erklärt Bauer Oesselke. Nach dem Wegfall der Milchquote Ende März 2015 ist die Milchproduktion bundesweit, also auch in Rheda-Wiedenbrück noch einmal in die Höhe geschossen. Jeder Milchbauer wollte vom freien Milchmarkt profitieren. Neue Ställe wurden geplant und mehr Milchkühe angeschafft. Dann das Handels-Embargo gegen Russland und der Absatzrückgang in China, sie haben das Problem verschärft. Die Hauptverantwortung für den Einnahmenschwund haben die Bauern selbst. Kritik wird von einigen Milchbauern auch an der Beratung der Kammern geübt. »Schafft mehr Kühe an: nicht nur zehn, besser 20 Kühe oder mehr...«, hätten die »Fachleute« geraten, weiß Oesselke. Auch jetzt, wo sowieso schon zu viel Milch den Markt ertränkt, würden Bauern ihre Produktion noch steigern. Sie erhoffen sich dadurch eine bessere Ausgangslage, sollte es irgendwann doch wieder eine Quote geben. Dann wäre es wichtig, an einem Stichtag X möglichst viele Kühe im Stall zu haben, so ihre Spekulation. Kritik üben Bauern aber nicht nur an der Milchpreispolitik, der Europäischen Union oder der Politik in Berlin. Verbesserungsmöglichkeiten sehen sie auch bei den Behörden. Auflagen und gebührenpflichtige Kontrollen zum Beispiel bei der Eierproduktion und der Selbstvermarktung eigener Produkte machen Landwirten in Rheda-Wiedenrbück das Landleben schwer. »Da kommen Bürokraten zu zweit, die keine Ahnung vom Alltag hier auf dem Hof haben, und halten sich an ihren Paragraphen fest«, schimpft ein Bauer, der mit seiner Kritik nicht hinter dem Berg hält, aber seinen Namen lieber nicht veröffentlicht haben möchte. Die Zwänge, Verbindlichkeiten und Vorschriften sind so schlimm, dass immer wieder heimische Bauernfamilien Melkschürze, Mistgabel und Treckerschlüssel an den Nagel hängen, weil Aufwand, Ärger und Mühe in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag stehen. Sind Herstellungsverfahren und Produkte unserer Landwirtschaft so viel ungesünder geworden in den letzten Jahrzehnten, dass nur eine aufgeblähte Bürokratie unser

5 Hof Oesselke in Lintel Leib und Leben schützen kann? Oder hat sich das EU-Gespinst mit Hilfe von Kontrollfreaks im Eigeninteresse von Selbsterhaltung und Aufgabenvermehrung auf Kosten der Bauern verselbständigt? Ganz nüchtern betrachtet Franz- Josef Aussel in Sankt Vit die Lage. In seinem Stall an der Eusterbrockstraße stehen 90 Milchkühe. Auch er beliefert das DMK, das »Deutsche Milchkontor«, auch er bekommt zurzeit nur 20 Cent pro Liter. Das Dilemma hat Bauer Aussel schnell auf den Punkt gebracht. »Mein Vater hatte vor 30 Jahren nur 20 Kühe und konnte gut davon leben«. Heute reichen 90 Kühe nicht mehr, den Lebensstandard im Vergleich zu damals zu verbessern. Auch er ist nicht gut auf die Berater der Landwirte zu sprechen. Dort heiße es: »Wer zu wenig verdient, muss mehr Kühe anschaffen«. Also immer mehr Kühe und immer noch mehr Milch? Da werden noch mehr Bauernhöfe dicht machen, nur ganz große Betriebe mit mehreren hundert Kühen werden übrig bleiben. Das ist weder im Interesse unser traditionell ausgewogenen Landkultur, noch wollen die Verbraucher Agrarprodukte nur vom hochindustrialiserten Groß-Monopolisten. »Markt wird anziehen...« Der Kritik schließt sich auch Andreas Westermeyer vom »Landwirtschaftlichen Kreisverband Gütersloh« an. »Die wirtschaftlichen Fachleute haben sich vertan«, stellt er nüchtern fest. Doch von einer Mengenbegrenzung hält er nichts. »Die würde nur was bringen, wenn es sie europaweit geben würde.« Dennoch ist Westermeyer optimistisch: »Der Markt wird

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