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Das Stadtgespräch Oktober 2016

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34 TIPPS

34 TIPPS Das Stadtgespräch denn zwei junge Männer und zwei junge Frauen sind mit dem Auto im Hochland, also in der Geröllwüste, Islands unterwegs, um der Großstadthektik zu entkommen. Welche Großstadthektik mag der deutsche Leser fragen, hat Reykjavik doch gerade ein Drittel der Einwohnerzahl Bielefelds. Doch wenn man überhaupt viele Autos auf Island zu Gesicht bekommt, dann dort. Und Parkplätze sind auch knapp. Die Leute wirken auch sehr entspannt. Also gut, Großstadthektik im Vergleich zum Rest des Landes kann man sagen, dann passt es. Das Haus in der Geröllwüste Also das Jungvolk will raus aus der Stadt. Und obwohl die vier Wochenendurlauber keine Touristen sind, sind sie doch schlecht für die Notfall gewappnet, der durch einen etwas kuriosen Unfall eintritt. Das Auto ist kaputt und sie stecken fest. Immerhin nimmt sie ein altes Paar, das mitten in der Geröllwüste wohnt, für die Nacht auf. Aber irgendetwas ist nicht in Ordnung. Die Alten sind abweisend, verriegeln ihr Haus zur Nacht wie eine Festung und untersagen den Städtern nach Einbruch der Dunkelheit (zuvor war es nur dämmerig und nebelig), nach draußen zu gehen. Und auch die Hoffnung der jungen Leute, dass am nächsten Morgen die Rettung naht, erfüllt sich nicht, denn sie sind von der Zivilisation abgeschnitten. Auf verschiedene Arten versuchen sie, den ungastlichen Ort zu verlassen, der dadurch nicht beruhigender wirkt, dass ein riesiges verlassenes Kraftwerk ganz in der Nähe liegt. Der weitere Verlauf bietet eine Reihe von ausgesprochen seltsamen Ereignissen. Allein das Ende des Romans, das natürlich an dieser Stelle nicht verraten wird, hat mir persönlich nicht so zugesagt, aber ich habe mich prächtig gegruselt mit dem Thriller des 41-jährigen Steinar Bragi, der bei der DVA erschienen ist (304 Seiten, 14,99 Euro) und der in 20 Ländern erscheint. YRSA SIGURDARDOTTIR Die Thora Gudmundsdottir- Krimis Zur mittleren Generation der isländischen Krimi-Autoren gehört Yrsa Sigurdardottir, die im August 53 geworden ist. Yrsa, deren Nachname nur besagt, dass sie die Tochter Sigurds ist (das Patronym wird auf Island noch ernst genommen und ist insofern kein echter Nachname), ist gelernte Ingenieurin. Geschrieben hat sie ihre Krimis in ihrer Hütte in der Nähe des Staudamms im Osten Islands, an dem sie die Woche über gearbeitet hat. Auch in ihren Romanen kommen Sagen und Mythen vor, allerdings eher als Lokalkolorit, die Handlung gleitet nie ins Mystische ab. Dazu eignet sich schon ihre Hauptfigur Thora nicht, die eigentlich Anwältin ist, aber aus Mangel an Aufträgen auch als Detektivin ihre Brötchen verdient. Und das ist gar nicht so einfach, denn der frisch geschiedene Ehemann und dessen neue Perle legen ihr in schöner Regelmäßigkeit Steine in den Weg. Was umso einfacher ist, da der Teenager-Sohn und die sechsjährige Tochter bei ihr Leben und an Besuchs-Wochenenden in schöner Regelmäßigkeit wuschig gemacht werden. Man kennt das. Alleinerziehende Detektivin In ihrem ersten Fall soll Thora einen Mordfall aufklären, bei dem dem Opfer die Augen fehlen und dessen Körper mit einem seltsamen Symbol versehen ist. Ermordet wurde ein deutscher Student, dessen rei-

TIPPS 35 che Familie ihren Anwalt schickt, der mit Thora zusammenarbeiten soll. Matthias Reich spricht zwar tadelloses Englisch, aber bei Isländisch muss er die Waffen strecken. Kein Wunder, denn selbst die Skandinavier sagen, dass Isländer wie die Wikinger sprechen – und die gibt es seit einigen Jahrhunderten eigentlich nicht mehr. Die sympathische, attraktive und etwas verpeilte Thora und der superkorrekte deutsche Anwalt wirken eher wie Gegenpole als ein Team. Doch die beiden raufen sich zusammen und lösen schließlich den vertrackten Fall. Damit endet der Krimi, der auf Deutsch »Das letzte Ritual« heißt. Ob es auf Grund des Erfolges oder auf Grund der großen Langeweile in der Hütte am Staudamm war, eine Flugstunde von ihrer Familie entfernt, jedenfalls folgten weitere Krimis Yrsas. Und die Personen, also Thora, die Kinder, der Ex-Mann, ihre widerliche Sekretärin und auch Herr Reich, tauchten auch wieder auf. Man kann die folgenden Krimis auch alle ohne die Vorgänger lesen, aber schöner ist es, wenn man die Reihenfolge einhält. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass man verschiedene Gegenden Islands kennenlernt. So spielt der zweite Krimi auf der Halbinsel Snæfellsnes, die zum großen Teil Naturschutzgebiet ist, aber eben nicht überall. Thora wird nämlich in ein Wellness-Hotel eingeladen, weil der ausgesprochen unsympathische Besitzer ihre detektivischen Fähigkeiten nutzen will. Dieser Band heißt auf Deutsch »Das gefrorene Licht« und ist, wie der Vorgänger auch, soeben im btb Verlag erschienen (384 Seiten, 9,99 Euro bzw. 400 Seiten, 9,99 Euro). Im Oktober kommt Yrsas Roman »Nebelmord« im Fischer Verlag heraus, meines Wissens ohne Thora. Ob die Romane die isländische Antwort auf Stig Larsson sind, wie die englische Werbung behauptet (die englischen Ausgaben sind bei Hodder&Stoughton erschienen), sei einmal dahingestellt. Was mir bei ihren Romanen besser gefällt als bei manch anderem skandinavischen Autoren ist, dass sie zwar auch durchaus Düsteres erzählt (muss das Wetter sein), brutale Details und schlimmen Aberglauben beschreibt, dass sie aber gleichzeitig auch durchaus humorvoll erzählt, was die Lektüre für mich erleichtert. Über comic relief wusste schließlich schon Shakespeare Bescheid. ANTONIA HAYES Die relative Unberechenbarkeit des Glücks Ethan ist zwölf Jahre alt und hochbegabt. Er weiß alles über Physik und Astronomie und hat auch sonst tausend Fragen, die ihn tagtäglich beschäftigen. Leider hat er bisher niemanden gefunden, der mit ihm auf einer Wellenlänge ist und somit ist er in der Schule ein Außenseiter und wird von seinen Mitschülern als Freak verspottet. Der einzige Mensch, der ihn so nimmt, wie er ist, ist seine Mutter Claire. Seinen Vater kennt Ethan nicht und Claire blockt auch jede Frage nach ihm sofort ab. Doch je älter er wird, desto mehr vermisst er seinen Vater. Und dann kommt der Tag, als sich Marc plötzlich bei Claire meldet und seinen Sohn sehen will. Doch Claire lehnt dies rigoros ab. Und sie hat einen guten Grund: Als Ethan noch ein Baby war, wäre er beinahe gestorben. Und Marc wurde als Schuldiger verurteilt. Doch Ethan will nicht glauben, dass sein Vater schuldig ist und nimmt heimlich Kontakt zu ihm auf, um seine Unschuld zu beweisen. Antonia Hayes hat einen herzzerreißenden Roman über einen außergewöhnlichen Jungen geschrieben. Man muss Ethan einfach gern haben und fiebert das ganze Buch über richtig mit ihm mit. Man weint mit ihm, wenn er von seinen Mitschülern gemobbt wird und man muss herzhaft lachen, wenn er eine seiner aberwitzigen Theorien aufstellt. Erschienen ist »Die Unberechenbarkeit des Glücks« als Hardcover im Blanvalet-Verlag, hat 464 Seiten und ist erhältlich in der Buchhandlung bücher-güth für 19,99 Euro.

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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