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Das Stadtgespräch Oktober 2016

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32 TIPPS

32 TIPPS Das Stadtgespräch WIEDERENTDECKT: RICHARD YATES »Eine letzte Liebschaft« Diesmal könnte unsere Rubrik direkt heißen »Alte Literatur entdeckt«, denn die Deutsche Verlags Anstalt hat mit Richard Yates »Eine letzte Liebschaft« (Gebundenes Buch, 195 Seiten, 19,99 Euro) eine Sammlung von zuvor auf Deutsch unveröffentlichten Short Storys herausgebracht. Mit dieser Ende September erschienenen Ausgabe endet das ausgesprochen ambitionierte Projekt der Gesamtauflage des hochgelobten, aber leider zu wenig gelesenen Autoren. Die neun Kurzgeschichten fallen unter die Rubrik »uncollected stories«, was aber keineswegs bedeutet, dass sie nicht lesenswert wären. Das Gegenteil ist der Fall, denn Yates, dessen Bücher zu Lebzeiten des Autors zwar von der Kritik hoch gelobt waren, aber nur wenig Anklang in der Leserschaft fanden – und entsprechend wenig Erfolg in klingender Münze, ist ein Meister vor allem der kurzen Form. Yates porträtiert die Alltagshoffnungen und -enttäuschungen seiner Figuren schonungslos, und doch mitfühlend. Seine Helden sind einfache Leute, die alle möglichen Lebenssituationen durchleben und alles Mögliche sind, nur eben keine klassischen Helden. Der Vergleich mit James Joyces Dubliners liegt nahe, auch wenn die Figuren in Yates Geschichten nicht gar so hoffnungslos sind und ihre Welt nicht gänzlich aus Verzweiflung und Resignation besteht. Da ist beispielsweise Bill in der letzten Geschichte der Sammlung »Ein genesendes Selbstbewusstsein«. Körperlich und vor allem geistig gezeichnet von monatelangem Krankenhausaufenthalt malt er sich alle möglichen Szenarien aus, jetzt, wo er wieder zu Hause, aber noch keinesfalls wieder ganz der Alte ist. Er legt jedes Wort seiner jungen Frau auf die Goldwaage, malt sich Situationen aus, in denen er wieder alles im Griff hat, obwohl ihn die Krankheit noch fest im Griff hat. Doch dann kommt ganz am Schluss die überraschende Wende. Ob nun der erzählerische Fokus auf Männer- oder Frauenfiguren liegt, Richard Yates kennt die Menschen und deren Stärken, vor allem aber auch deren Schwächen. Und er bringt seine Erfahrungen und Beobachtungen in knapper und sehr präziser Form aufs Papier. Der 1926 in New York geborene und 1992 in Birmingham, Alabama verstorbene Autor konzentriert sich in mehreren seiner Geschichten auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs, den er selbst in Frankreich und Deutschland erlebte. Und auch Krankenhäuser waren ihm, der Zeit seines Erwachsenenlebens Alkoholprobleme hatte, die auch zu seinem frühen Tod mit 66 führten, von langen Aufenthalten bekannt. Vielleicht kann man zusammenfassend zu seinen Kurzgeschichten sagen, dass sie zwar vollkommen unsentimental sind, aber dennoch ergreifen. Poste deine Darmspiegelung »Poste deine Darmspiegelung« wäre für mich auf der Shortlist der besten Buchtitel dieses Jahres. Ich kann mich noch so darüber aufregen, aber die Unsäglichkeit scheint eindeutig die Oberhand zu gewinnen. Ich warte schon auf den Moment, wo mein Steuerbescheid mit Smileys versehen ist – bei Nachzahlungen mit weinenden Smileys natürlich. Verzweifelt bemühe ich mich, intimste Details von Daniela Katzenberg eben nicht zu erfahren und scheitere immer wieder. Fassungslos stehe ich davor, was die Menschen anderen, wildfremden Menschen alles aus ihrem Leben mitteilen – und das über die sozialen (oder asozialen?) Medien, deren Gedächtnis meiner Kenntnis nach ewig sein dürfte. Ich vermute, dass Peter Wittkamp ähnlich leidet wie ich, aber er geht damit schlauer um, denn er geht in die Offensive. Seine 42 Lektionen, die den Leser zum perfekten Internetnutzer machen können, sind jetzt in einem Buch zusammengefasst (erschienen bei Knaur, 176 Seiten, 9,99 Euro). Peter Wittkamp weist darauf hin, dass man nicht als perfekter Internetnutzer geboren wird, man wird es erst mit der Übung. Und da das Internet vermutlich noch ein paar Jahre existieren wird, erklärt Blogger und Internetexperte Wittkamp in einem Netz-Knigge, wie es jedem gelingt, online zu glänzen. Daher rät er unter anderem immer ausreichend Smileys zu verwenden. Ebenso wichtig ist es, täglich ein neues Profilbild posten und alles zu tun, um ein YouTube-Star werden. Mit der Lektüre dieses Ratgebers versteht jeder Google Plus, hat das perfekte Passwort und sorgt ab sofort mit eigenem Kätzchen für unterhaltsamen Social-Media-Content. Wittkamps Ratschläge sind lebensrettend! Peter Wittkamp ist 33, geboren in Asbach bei Bonn und lebt als freier Kreativer in Berlin. Er studierte Soziologie und arbeitete als Marktforscher bei Universal Music, später bei einer Social Media-Agentur. Seit 2013 ist er selbstständiger Berater für Online- Kommunikation. Sein erstes Buch »Die fünf schlechtesten Antworten auf: Ich liebe dich!« fand die Bravo »hot«, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das nun ein gutes Zeichen ist. Der Mann weiß also, dass man mit Ironie, Spott, Sarkasmus und was das humoristische Arsenal sonst noch alles zu bieten hat, der Unbill der online-Zeit begegnen kann. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er nicht manchmal, etwa bei der Recherche für die Lektion Nr. 38 »Machen Sie Schluss mit 1000 Passwörtern«, ganz still in einer Ecke gesessen und leise vor sich hin geweint hat… STEINAR BRAGI »Hochland« Drei Vorteile hatte ich bei der Lektüre von »Hochland«. Nummer eins: Ich durfte den Roman schon vor der Veröffentlichung Mitte September lesen. Nummer zwei: Ich habe das Werk Bragis in einer Hütte auf Island gelesen, der nächste Zweibeiner (Vögel ausgenommen) lebte in vier Kilometern Entfernung. Vorteil drei: Ich habe das Buch im Sommer gelesen, wenn die Sonne kurz nach Mitternacht so eben wegdippt und um zwei Uhr wieder aufgeht, sodass es praktisch immer hell ist. Warum gerade Letzteres wichtig ist? Nun, der Thriller ist durchaus gruselig und spielt zu einer Zeit, in der es eigentlich immer dunkel ist. Düsteres Wetter, schlimme Einöde, seltsame Menschen und die vielen Volksmärchen, Legenden, Horrorgeschichten, die das nördliche Eiland schon seit Menschengedenken bevölkern, sind idealer Nährboden für Gänsehaut! Gespenster und Wiedergänger Einer der jungen Leute, um die es in dem Roman geht, beschreibt das Leben im isländischen Hochland, wie es Tausend Jahre lang war: »Keine Farben, keine Geräusche, fades Essen, kein Licht … nichts zum Anschauen, nichts zu lesen, keine Süßigkeiten«. Daraufhin entgegnet ein anderer: »Sie hatten zumindest ihre Geschichten…Von anderen Dimensionen, Wesen in Steinen und Hügeln, verborgenem Volk, Gespenstern und Wiedergängern«. Und um die geht es in diesem Thriller auch. Das Ganze fängt zunächst harmlos an,

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Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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