Aufrufe
vor 4 Jahren

Das Stadtgespräch Oktober 2016

  • Text
  • Oktober
  • Stadt
  • Rheda
  • Kinder
  • Menschen
  • Haus
  • Herbstkirmes
  • Zeit
  • Eltern
  • Beiden

16 Das

16 Das Stadtgespräch Bis heute Mittag Mutti WARTESCHLANGEN UND WARNBLINKANLAGEN Das Kind – Objekt der Behütung Die Angst geht um in Rheda- Wiedenbrück, die Angst um den Nachwuchs. Ist er doch gefährdet durch Bewegung, Kalorienverbrauch, Eigenverantwortung – speziell wenn die Tage kürzer werden, kommen enorme Risiken durch glitschige Blätter, Schneematsch, Glatteis hinzu … Wie schütze ich also den Nachwuchs vor der Unbill des Lebens? Für die meisten Eltern ist klar: Wenn mein Kind bis ins hohe Alter bei mir wohnen kann mit Vollverpflegung, Wäschedienst und Taschengeld, ist es eine geradezu natürliche Voraussetzung, bis dahin demütig auch den Fahrdienst zu übernehmen: zu Freunden, zum Kino oder Musikunterricht und – vor allem – zur Schule und zurück! Das Gedrängel ist groß morgens vor acht und zwar nicht etwa durch Schüleraufkommen und entsprechend soziales Geschnatter, wie das noch die Ü50 Generation von der eigenen Kindheit kennt: Kleine und große Automarken schubsen sich gegenseitig in nicht vorhandene Parklücken, hupen und belästigen die vor und hinter sich drängelnden, Stop and Go, Warnblinkanlage, Türen gehen auf und wieder zu, Schüler rennen, begleitet von warmen und ermahnenden Worten, Schultasche, Turnbeutel und Care-Paket werden von herausstürzenden Eltern nachgebracht. Dann Flugküsschen, schnelle Umarmungen oder auch manchmal nur Hektik und Geschrei – je nachdem, wie rechtzeitig, die Familie aufgestanden ist… Die heutige Kleinfamilie hat nämlich in einem Punkt eine gemeinsamen Erfahrungshorizont: Wenn es nur ein oder maximal zwei Kinder gibt, dann kann sich alles um die Aufzucht drehen. Warum auch sollte Mutti zwischen sieben und acht Uhr morgens eigenen Wünschen und Bedürfnissen oder gar dem erlernten Beruf nachgehen, wo sie doch als Chauffeuse gebraucht wird. Und warum? Weil der Schulweg ungemein viel gefährlicher geworden ist in den letzten Jahrzehnten – nicht etwa durch Tempo 30 im Einzugsgebiet der Lernanstalt, durch schlecht gewartete und dadurch nicht einsetzbare Fahrräder, nein: durch andere Eltern, die ihre Zöglinge mit dem Auto bis vor die Schulbank fahren und die eigene Überbesorgtheit zum Stress von anderen machen. Es kann nicht sein, dass Kinder alleine zu Fuß zur Schule gehen? Weil man mit der komfortablen Familienkutsche seine soziale Rolle unterstreicht wie früher mit dem Hut in der Kirche? Oder die Bereitschaft zur selbstverständlichen und dauerhaften Verfügbarkeit der Mami, weil die seit der Geburt nicht mehr arbeiten muss, weil doch der Papi die Kleinfamilie allein ernähren möchte… Wie Helikoptereltern ihre Erziehungsaufgabe hyperventilieren Während sich das heutige Frauenbild der etablierten Mittelstands offenbar wieder auf das der 50er Jahre zurück entwickelt hat, ist noch eine wichtige Funktion für die Frau und Mutter dazu gekommen: Disposition, Sicherund Bereitstellen des Kindertaxis! Wer als Kind mit dem Fahrrad, mit dem Bus oder zu Fuß mit der Freundin kommt, ist raus aus den gesellschaftlich relevanten Zirkeln – die Eltern kümmern sich dann offenbar nicht genug oder müssen sogar beide arbeiten! Aus welchem Motiv heraus der Fahrdienst eingeführt wurde, für die Kinder hat er immens schädliche Folgen: zu wenig Bewegung, Verlust der Chance auf selbstständiges Handeln, Verunsicherung im Straßenverkehr durch mangelndes Training, verschobenes Wertebild von Mensch und Gesellschaft, keine Erfolgserlebnisse durch Eigenverantwortung, keine Sozialkontakte, kein Erfahrungsaustausch mit Klatsch und Tratsch auf dem Schulweg, kein Abbau von Angst oder Schulst-

17 Elterntaxi-Service in Rheda ress durch Austausch von Neuigkeiten und Hausaufgaben … Kurz: kein Spaß, wie ihn Schülerinnern und Schüler früher, in der elterntaxilosen Zeit haben durften. Damals konnten sie sich gemeinsam vor dem Unterricht auf den langen Schultag einzuschwingen. Heute zählt für die armen Kleinen allein der Rhythmus ihrer überbesorgten »Helikopter«-Eltern. Das Phänomen zeigt sich in Gestalt von Verwöhnen oder Beschützen, immer aber als eine Form der – wenn auch liebevoll gemeinten – Behütung sprich Überwachung. Solche überfürsorglichen Eltern hören und sehen nicht die Nachteile für ihren Nachwuchs und andere Kinder, sie überhören sogar Warnungen wie die von NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD): »Nicht nur die Schule selbst, auch der Weg dahin ist ein Lernort. Die Kinder lernen, wie man sich richtig im Straßenverkehr bewegt. Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren, gefährden diese vor den Schulen im schlimmsten Fall selbst«. Aus nackter Not angesichts der Lernresistenz dieser Eltern versuchen manche Schulen schon, Elternparkplätze oder »kiss and ride«-Zonen einzurichten, um die Gefährdung der ankommenden Kinder vor den Schulen in Grenzen zu halten. Fast dreiviertel aller Grundschulen bundesweit haben massive Probleme mit den Elterntaxis. Auch vor Rheda- Wiedenbrücker Schulen ist das Elterntaxiproblem zu sehen. Chaos und Stress vor Unterrichtsbeginn, massive Unfallgefahr, das bewegt die Polizei immer wieder zu Kontrollen vor den Schulen, bei denen die Beamten hirnloses Anhalten und Aussteigen aus dem Elterntaxi gleich vor Ort mit desorientierten Eltern thematisieren und versuchen, dafür zu sensibilisieren. Da ist für manche Mami und auch Papi neu, dass jedes Kind beizeiten seinen Schulweg üben muss, um ihn fortan sicher zu bewältigen – warum nehmen sich Eltern nicht dafür Zeit, statt Abgase und Besorgtheit in die Welt zu pusten? Ist es vielleicht doch ein Ausdruck ihrer Bequemlichkeit, wo es sich doch mit dem Auto schneller und praktischer fährt – für sie?! Auf dem Weg in ein sicheres Lebensgefühl Erziehung ist anstrengend aber doch die eigentliche Aufgabe der Eltern, nicht der allzeit verfügbare Taxidienst. Schon kleine Kinder können relativ lange Fußwege sicher schaffen und sollten das beizeiten unter Aufsicht üben: Das macht stark im doppelten Sinne, aktiv und beweglich – im Gegensatz zur Trägheit auf dem Rücksitz. Vor der Erfindung des Elterntaxis war es üblich, dass Kinder sich am Morgen »auf den Schulweg« machten. Nach der Schule fanden sie ebenso eigenständig zurück nach Hause, Trödeleien und kleine Freiheiten inbegriffen, für die man sich womöglich rechtfertigen musste, wenn das Mittagessen inzwischen kalt geworden war. Auch konnten Kinder und Jugendliche in der Regel nur an Freizeitangeboten teilnehmen, die von ihnen selbstständig zu erreichen waren, ob zu Fuß, mit Fahrrad oder Bus – Eigeninitiative und Verantwortungsgefühl des Kindes waren gefragt und eine gewisse Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit. Das sind durchaus Werte und Schlüsselqualitäten von Heranwachsenden, die auch bei der Berufswahl und im späteren Erwachsenenleben Sinn machen und deshalb von Kindesbeinen an rechtzeitig trainiert werden sollten. Hinzu kommt das Menschenbild, das von frühester Kindheit vor allem Zuhause geprägt wird: Eltern sind keine Lakaien, sie haben ihre Kinder selbstständig zu machen mit angemessenen Verpflichtungen und Spielregeln. Und sie sollten ihnen ein Verständnis davon vermitteln, dass auch andere Menschen Rechte und selbstverständlich auch jede Menge Pflichten haben. Es ist nicht neu und nicht schlimm, dass Eltern aus falsch verstandenem Verantwortungsgefühl Fehler machen, bis ihr Nachwuchs selbstständig und unabhängig ist. Neu ist allerdings, dass die heutigen Kinder bis dahin gar nicht kommen können, weil ihre Eltern der Selbstverantwortlichkeit im Weg stehen – buchstäblich! Mit dem SUV! Mo.-Fr. vor der Schule!

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

© 2020 lokalpioniere
Impressum / Datenschutz