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Das Stadtgespräch November 2016

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32 TIPPS

32 TIPPS Das Stadtgespräch GUSTAAF PEEK »Göttin und Held« DER DVD-TIPP Black Sails 2. Staffel Passend zum Ehrengastthema der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt »Flandern und die Niederlande« hat die Deutsche Verlags Anstalt den Roman des Holländers Gustaaf Peek »Göttin und Held« (335 Seiten, 19,99 Euro) herausgebracht. Es geht um eine Liebesgeschichte. Nun gibt es Liebesromane zu Hauf. Auch von routinierten Autoren, die genau wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen, um die Leser bei der Stange zu halten und deren Erwartungen zu erfüllen. Große Romane über die Liebe gibt es dagegen nur alle paar Jahre. Und ich finde, »Göttin und Held« ist einer davon. Dabei gehe ich davon aus, dass der Roman nicht unumstritten sein wird, ist er doch stellenweise sehr deutlich in der Beschreibung erotischer Szenen. Den Vorwurf der Pornographie wird sich Peek vorwerfen lassen müssen, befindet sich dabei aber in bester Gesellschaft, denn D.H. Lawrence, das absolute literarische irische Schwergewicht James Joyce oder auch der große amerikanische Romancier John Updike standen auf der Abschussliste sittenstrenger Geister. In Deutschland waren Günter Grass, Martin Walser und viele andere manch einem zu deutlich. Gustaaf Peek überrascht mit einem ungewöhnlicher Erzählansatz, auch wenn der nicht komplett neu ist – aber was kann in der Literatur schon neu sein in der post-modernen Phase. Der Leser jedenfalls muss sich die Geschichte zusammensetzen. Immerhin springt der Erzähler nicht hin und her, sondern erzählt verkehrt herum, beginnend bei Kapitel 50. Das nächste Kapitel ist vor dem gerade gelesenen passiert. Das könnte man als relativ billigen Trick ansehen, aber diese Erzählweise hat den Vorteil, dass das bittere Ende gleich zu Beginn nicht so bitter ist. Denn wie anders kann eine Liebesgeschichte enden als mit dem Tod? Weil der aber am Anfang steht, kennt man als Leser die Figuren nicht und hat daher auch kein Mitleid mit ihnen. Und doch herrscht am Ende des Romans Wehmut, denn man weiß ja, was den jungen, frisch verliebten Leuten noch alles bevor steht. Natürlich ist ein solcher Roman auch Geschmacksache, aber wer »Salz auf unserer Haut« gut fand, der wird vermutlich »Göttin und Held« lieben. Nicht allein dessen Titel ironisiert die klassische Liebesgeschichte, wobei der Spott des Autoren aber niemals zum Zynismus wird. Die Episoden aus dem Leben von Tessa und Marius gehen dem Leser trotz oder wegen der sanften Ironie ans Herz. Erstaunlich finde ich, wie genau sich der Autor, der etwas älter als 40 ist, an die Gefühlswelt der Teenager erinnern kann und so dem Leser hilft, sich ebenfalls zu erinnern. Auch ist bemerkenswert, dass die erzählte Zeit nicht seine Zeit sein kann, denn was weiß ein 40jähriger über die Wirkung der Musik von Joni Mitchell und Leonard Cohen? Na zumindest muss er mit jemanden eingehend gesprochen haben, der in den Siebzigern Teenager war. Und auch die Beziehung im Alter kann der Autor nicht aus eigener Anschauung kennen, beschreibt jedoch auch sie mit sicherem Zugriff. Dieser Roman ist wirklich aus einem Guss, Hut ab vor Gustaaf Peek, den Namen sollte man sich merken. Wenn Sie nicht gerade ein Fan des Privatsenders Pro Sieben Maxx sind, dann geht es Ihnen vermutlich wie mir. Soll heißen, dann haben Sie von der zweiten Staffel von Black Sails nichts mitbekommen. Vielleicht sogar nicht einmal von der ersten Staffel. Wenn dem so ist, hier kurz worum es geht: Black Sails ist ein Piratenfilm, besser eine Serie über Piraten. Genauer gesagt erzählt die Serie die Geschichte, die der »Schatzinsel« voraus geht. Jim Hawkins, der Held der Geschichte von Robert Louis Stevenson, ist noch nicht geboren. Der durchtriebene Schiffskoch John Silver, besser gesagt Long John Silver, hat noch alle Haare und beide Beine (zunächst jedenfalls). Und der Schatz, der auf der unbekannten Insel verschollen ist, befindet sich, ebenfalls zunächst, noch nicht im Besitz der Piraten, sondern auf der spanischen Galleone. Doch anders als die Abenteuergeschichte des schottischen Autors, die zuerst in Zeitschriften und anschließend 1883 in Buchform erschien, sind die Piraten dieser Serie keineswegs domestiziert. Die Prügeleien und Seegefechte sind sehr realistisch, die Sexszenen auch und die Kulisse zum Träumen schön. Doch die Sehnsucht nach der guten alten Zeit packt den Betrachter nicht, denn anders als in frühen Piratenfilmen wird hier kein Märchen erzählt, obwohl die Geschichte natürlich nicht historisch verbürgt ist, auch wenn eine ganze Reihe von historischen Persönlichkeiten auftreten. Realistisch ist nämlich auch die undurchsichtige politische Situation. Wer mit wem gerade paktiert und wer die Allianzen aus welchem Grund wechselt, ist nicht immer leicht zu verfolgen. Welches faule Spiel spielt die Großmacht England, welches die schwindende Großmacht Spanien? Mit wem sind die offiziellen Vertreter der Briten im Bunde und welche Bündnisse gehen die oftmals tödlich verfeindeten Piraten ein, die als einzige so etwas wie demokratische Strukturen haben? Der politische Hintergrund dieser Serie erinnert eher an Konflikte in Somalia oder dem Balkan oder heutzutage Syrien – das alles vor malerischer Kulisse, versteht sich. Die in Südafrika gedrehte Serie hat jedenfalls international zu Recht Erfolg. Wer, wie ich, keine Lust hat, zu komischen Zeiten fernzusehen und auch keine Lust auf Werbung hat, sollte sich die zweite Staffel besorgen, die mehr als acht Stunden Länge hat. Das Cover mit dem Skelett, das nach der Piratenflagge greift, ist übrigens irreführend, denn anders als bei den Johnny Depp-Piraten der Karibik gibt es hier nichts Übersinnliches zu sehen. Das gut recherchierte und Anfang des 18. Jahrhunderts spielende Werk bietet auch so genügend Spannung. Und das Ganze ist richtig gut gemacht. So sind zum Beispiel die Schiffsmodelle, die in gewaltigen Tanks schwimmen, bis zu 40 Metern lang und nicht allein am Computer getrickst. Nassau wurde als komplette Kulissenstadt errichtet. Ich jedengalls warte auf die Fortsetzung, denn in Staffel drei wird Ray Stevenson als Blackbeard auftreten. Staffel vier ist auch schon in der Mache – har har!

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Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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