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Das Stadtgespräch November 2015

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Magazin für Rheda-Wiedenbrück

30 TIPPS

30 TIPPS Das Stadtgespräch WIEDERENTDECKT: HENRY JAMES Die Europäer traut war, noch nie gesehen hatte: ein riesiger, niedriger, in leuchtenden Farben bemalter und augenscheinlich mit bimmelnden Glöckchen verzierter Omnibus«. Die Dame, eine Baronin, wenn auch nur angeheiratet, ist gleichzeitig fasziniert von der praktischen Art der Amerikaner und irgendwie auch abgestoßen von der Gewöhnlichkeit der Leute, die sich bewegen wie in einem Gerangel um Plätze in einem Rettungsboot auf hoher See. Allerdings stimmt die Szene nicht, wurden doch in Boston die Pferdebahnen erst im März 1856 eingeführt. Doch diese künstlerische Freiheit wollen wir Henry James heute gönnen, dient sie doch vor allem dazu, die Hauptfigur zu charakterisieren und weniger den Stand der damaligen Technik zu dokumentieren. Weniger verzeihlich finde ich die Übersetzung auf der ersten Seite, denn auch bei der Neuübersetzung sollte man doch dem stilistischen Register – gerade bei Henry James – treu bleiben. Daher ist die Übersetzung von »a young man busily plying a pencil« in »ein junger Mann, der eifrig mit einem Bleistift zugange war« meiner Meinung nach vollkommen unangemessen. Das ist schade, zumal die gesamte restliche Übersetzung, die dem Übersetzer zugegebener Maßen einiges abverlangt, so gelungen ist, dass es nicht auffällt, dass der Text ursprünglich in einer anderen Sprache geschrieben wurde. Worum es in diesem Roman des Autoren geht, der in Amerika kaum hoch genug einzuschätzen ist – selbst fiktive Figuren wie die Frau des Commissario Brunetti von Donna Leon sind glühende Anhänger von Henry James. Natürlich wieder um das sogenannte »internationale Thema«, nur mit anderen Vorzeichen. Das internationale Thema setzt einen Amerikaner, der zu Hause bestens klar kommt, in ein europäisches Setting, wodurch er quasi in eine Laborsituation gerät, in der er seine Qualitäten außerhalb seines kulturellen Kontexts ausspielen muss. Gleichzeitig wird natürlich die ihn umgebende Gesellschaft mit beleuchtet. Dem Muster dieses Settings sind bis heute eine lange Reihe von Autoren gefolgt, darunter natürlich auch Hemingway oder Scott Fitzgerald. So richtig neu war die Idee natürlich auch schon im 19. Jahrhundert nicht, denn nach der Definition des internationalen Themas ist auch Odysseus ein internationaler Held, womit die literarische Tradition etwa drei Jahrtausende umfasst. In Die Europäer (großformatig bei Manesse erschienen, 247 Seiten, 24,95 Euro) dreht Henry James die Situation um, es geht nicht mehr um den »Amerikaner in Paris«, sondern um die Europäer im Mutterland des Puritanismus. Ohne Geld, aber im Vertrauen auf eine gute Partie reisen Baronin Eugenia Münster und ihr Bruder Felix Young nach Neuengland. Mit Adelstitel und Charme Ein Zeitgenosse Henry James’ aus Boston kritisierte den damals, 1878, gerade erschienenen Roman Die Europäer auf das Schärfste, hatte der Autor doch die Wahrheit verbogen, ja regelrecht gelogen. Der in Amerika geborene James, der einen Großteil seines Lebens in Europa zubrachte, hatte die Handlung seines Romans in die frühen Vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts verlegt, sozusagen ins »Goldene Zeitalter« der USA, also vor die Wirren des Bürgerkriegs, wie Gustav Seibt in seinem klugen Nachwort zur neuen Auflage vermerkt. Die gute alte Zeit liegt ja in der Regel eine Generation vor der eigenen Zeit, aber das sei nur am Rande erwähnt. Jedenfalls hatte sich Henry James, der berühmt für seine jeweils erste Szene eines Romans ist, eine Freiheit herausgenommen. Im Roman Der Amerikaner (drei Jahre zuvor erschienen), den man als Gegenstück zu Die Europäer sehen könnte, sitzt der Held auf dem bequemsten Sitzplatz, den man im Louvre ergattern kann und erholt sich von der Kunst, womit das Thema des Romans schon fast vollständig umrissen ist. In dem gerade neu auf Deutsch erschienenen Die Europäer schaut die weibliche Hauptfigur bei schlechtem Wetter auf »ein Gefährt, wie es die Dame am Fenster, die doch mit allerlei menschlichen Empfindungen verumgarnen die beiden rasch ihre Verwandtschaft, den sittenstrengen Onkel ebenso wie seine drei erwachsenen Kinder. In wechselnden Paarungen konkurrieren Temperamente und Vorstellungen der Alten Welt mit Werten und Moral der Neuen. Wer sich am Ende an wen bindet, entscheidet sich nach einem quirligen Reigen transatlantischer Beziehungen, der einen neuen Blick auf beide Kontinente und nicht zuletzt auf den großen Autor selbst ermöglicht. Für seine eleganten, doch oft irritierend komplexen Romane berühmt, zeigt er sich in diesem vergleichsweise kurzen Fundstück als lustvoller Matchmaker mit Tiefgang. In diesem Gesellschaftsroman mit mehr als einem Augenzwinkern bekommen wirklich alle auf meist charmante Weise ihr Fett weg, sodass er sich auch wohl zum Einstieg in die Lektüre Henry James‘ eignet, dessen Todestag sich im Februar 2016 zum hundertsten Mal jährt. DER JUGENDBUCHTIPP: LISA ALDIN Jungs to go Mädchen sind einfach nicht so Toni Valentines Ding. In ihrer alten Jungs-Clique fühlt sich die Siebzehnjährige viel wohler als in der Gesellschaft ihrer sorgfältig gestylten neuen Klassenkameradinnen der Winston Academy, der exklusiven Mädchenschule. Ihr sind Horror-Filme, Monsterjagden und Rülpswettbewerbe lieber als Haarund Maniküretipps. Sneakers sind viel eher ihr Ding als hohe Hacken. Selbst ein halber Junge versteht sie außerdem Jungs viel besser als andere Mädels. Als eine ihrer Mitschülerinnen Liebeskummer hat, weiß sie sofort: Man muss den Treulosen eifersüchtig machen! Und Kerle dafür hat Toni ja praktischerweise an der Hand. Kurz entschlossen vermietet sie einen ihrer Jungsfreunde zum einmaligen Date. Der Plan wird ein voller Erfolg, auch finanziell – und Toni kurz darauf Inhaberin einer gefragten Schein-Date-Agentur. Bis sie sich selbst verliebt und damit nicht nur ihre Geschäftsidee, sondern auch ihren Seelenfrieden ernsthaft gefährdet. Die Autorin Lisa Aldin machte ihren Universitätsabschluss in englischer Literatur, ehe sie sich hauptberuflich dem Schreiben widmete. Mit ihrem Mann, ihrer Tochter und diversen Haustieren lebt sie in Indianapolis. Jungs to Go ist ihr Debutroman und eignet sich für alle, die gerne Spaß haben und verstehen, auch mal was Verrücktes tun und auch eine romantische Ader haben. Erschienen ist Jungs to go bei heyne›fliegt, 358 Seiten, 12,99 Euro.

TIPPS 31

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