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Das Stadtgespräch Mai 2016

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Magazin für Rheda-Wiedenbrück

56 Das

56 Das Stadtgespräch die grüne Natur in dieser vergleichsweise jungen Stadt mit ihren vielen jungen Einwohnern allgegenwärtig. Hoher Stellenwert für Bildung Überhaupt sind die jungen Leute den Finnen offenbar wichtig. Der große PISA-Sieger wurde nach der Bildungsstudie von Pädagogen aus aller Welt besucht, deren Mission es war, das Geheimnis des bildungspolitischen Erfolges zu ergründen. Doch weder die Lehrerbezahlung (sie verdienen weniger als unsere Lehrkräfte) noch die Klassengrößen, das Schulsystem (Gesamtschulen haben auch andere Länder, die nicht so erfolgreich sind) und schon gar nicht die superausgefallenen Methoden ließen sich als Schlüssel zum Bildungserfolg ausmachen. Aber Bildung hat in der finnischen Gesellschaft einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Während sich in der bundesdeutschen Wahrnehmung maximal eine Verbesserung von »alles faule Säcke« (Ex-Kanzler Schröder) hin zu »heute Lehrer – ne, da hätte ich keine Nerven für« ergeben hat, sehen die Finnen diejenigen, die sich um den Nachwuchs kümmern, mit großer Wertschätzung an. Und davon profitieren die Touristen auch, denn andres als beispielsweise beim Schwedischen lassen sich im Finnischen keine Parallelen zu unserer Sprache finden. Yksi (ücksi gesprochen), kaksi, kolme heißt eins, zwei, drei, katu heißt Straße und olut Bier. Finnisch ist keine indogermanische Sprache, sodass der Besucher weder aus Russland noch aus den skandinavischen Ländern schließen kann, was das ravintola anbietet, das Restaurant. Da Finnland jedoch eine schwedische Minderheit beherbergt, gilt Schwedisch als zweite Amtssprache, sodass Hinweisschilder auch auf Schwedisch sind. Das bedeutet natürlich auch, dass die erste Fremdsprache der Finnen Schwedisch ist. Und Englisch kommt erst dann. Umso erstaunlicher ist es, wie viele Leute dann doch Englisch sprechen. Ein Wort auf Finnisch, das verpflegungstechnisch gar nicht unwichtig ist, konnte ich jedoch sofort verstehen: kioski – aber das ist ja auch aus dem Mittelpersischen über das Französische im 18. Jahrhundert nach Europa gekommen, wie wir alle wissen… Für all diejenigen, die noch niemals in Helsinki waren, empfiehlt sich der Besuch. Aber auch diejenigen, die Helsinki von früher kennen, sollten sich noch einmal dort umschauen, denn die Stadt hat sich wirklich gemausert, die alten Bauten renoviert, die Schmuddelecken gesäubert und die modernen Bauten der Natur angepasst. Und die offenen, freundlichen Finnen machen dem Touristen den Besuch ebenfalls leicht. Also nichts wie hin! LINGUISTISCHE STUDIE Wer Deutsch spricht ist reicher, schlanker und gesünder!? Wer Deutsch spricht, spart mehr Geld als jemand der Englisch oder Französisch spricht. Er legt auch mehr Geld für die Rente zurück, ist schlanker, raucht weniger und hat weniger ungeschützten Sex. Und das liegt an der Sprache. Das sagt jedenfalls M. Keith Chen. Und M. Keith Chen, Professor Chen, ist ein ganz Schlauer. Nein wirklich, der Mann hat in Harvard promoviert, in Yale unterrichtet und lehrt heute am UCLA in Los Angeles. Das Interessante ist, dass Keith Chen eigentlich gar kein Linguist ist, sondern Wirtschaftswissenschaftler. Aber seine Forschungen überschreiten die Grenzen einzelner Disziplinen und so beschäftigt sich seine Arbeit mit Psychologie, Biologie und auch mit Sprachwissenschaft. Sprachen mit Zukunft Seine These ist, dass Verhalten, das sich an der Zukunft orientiert, von der jeweiligen Muttersprache beeinflusst wird. Ver- Baskisch hat Zukunft. halten, das sich an der Zukunft orientiert, ist zum Beispiel das Sparverhalten, die Rentenvorsorge, gesundes Leben und auch geschützter Sex. Und das liegt Chens Meinung nach auch, vielleicht auch vor allem, an der Sprache. Er teilt Sprachen in zwei Kategorien ein: die einen kennzeichnen die Zukunft, wenn sie über Zukunft reden. Genauer gesagt müssen sie die Zukunft kennzeichnen. Die andere Sprachgruppe braucht das nicht. Das Phänomen ist uns als Muttersprachlern Deutsch bekannt, wenn wir in der Schule Englisch, Französisch, Spanisch oder auch Russisch gelernt haben. Die genannten Sprachen gehören nämlich alle in die Gruppe der starken FTR-Sprachen (future-time refenrence), die das Futur unbedingt kennzeichnen müssen. Für »Morgen regnet es« kann man im Englischen eben nicht sagen »tomorrow it rains«, sondern muss sagen: it will rain oder it’s going to rain. Irgendeine Art der Kennzeichnung für das Futur muss im Englischen sein, Ausnahmen sind sehr selten und genau definiert, etwa bei Fahrplänen (the train leaves at ten). Auch im Französischen oder Spanischen ist es morgen nicht wieder schön, sondern es wird schön sein oder man benutzt die entsprechende going to-Form, die germanische Sprachen eigentlich nicht kennen – schon da gibt es die englische Extrawurst, die wir ja spätestens seit dem englischen EU-Beitritt kennen. Auch das Baskische, das mit den romanischen Sprachen nicht verwandt ist, verlangt übrigens nach einer Kennzeichnung der Zukunft. Sprachen ohne Zukunft Deutsch gehört also zu den schwachen FTR-Sprachen, ebenso andere germanische Sprachen auch, die zwar eine Futur-Zeit haben, die aber nicht unbedingt nutzen müssen und deren Sprecher es folglich auch nicht tun. Norwegisch, Schwedisch oder Dänisch zählen ebenso dazu wie Holländisch, was nahelegen könnte, dass der Verwandt-

57 Chinesisch verzichtet auf Zukunft. schaftsgrad definiert, ob eine Sprache starke oder schwache FTR-Sprache ist. Das aber passt nicht, denn Deutsch ist weitaus näher mit dem Englischen verwandt als zum Beispiel mit dem Finnischen, das zur finnisch-ugrischen Sprachgruppe gehört, also nicht einmal indogermanisch oder indoeuropäisch ist. Wenn der Finne sagt »Huomenna on kylmää« bedeutet das, wie wir alle wissen, wörtlich übersetzt: Morgen ist es kalt. Und auch das Chinesische, also Mandarin, ist wie Deutsch und Finnisch eine schwache FTR-Sprache, die das Futur nicht ausdrückt – vor allem, weil es gar keine Zeiten kennt, Vergangenheit oder Zukunft also durch Zeitangaben signalisiert werden. Ein Satz wie »ich werde die Vorlesung besuchen« und kann daher zum Treffen nicht kommen lautet auf Mandarin: Wo qu ting jiangzuo, was wörtlich übersetzt heißt: Ich besuche Vorlesung. Da mein eigenes Mandarin etwas eingerostet ist, muss ich da dem Autoren glauben. Interessanter Weise taucht Portugiesisch sowohl bei den starken als auch bei den schwachen FTR-Sprachen auf, nämlich einmal im Mutterland Portugal, wo man das Futur unbedingt durch die entsprechende Zeit oder auch die going-to-Form bilden muss, und einmal in Brasilien, wo es offenbar möglich ist zu sagen: Morgen scheint die Sonne. Henne oder Ei So weit, so gut, diese Erkenntnisse sind weder neu noch irgendwie wissenschaftlich relevant. Könnte man meinen, doch da hat der schlaue Professor Chen noch so einiges herausgefunden. Schließlich ist er Wirtschaftswissenschaftler und seine Untersuchungen belegen, dass Leute, die kein Futur benutzen, die Zukunft besser anpacken. Und damit das nicht auf Länderunterschiede zurückgeführt werden kann, hat Chen Länder mit verschiedenen Sprachen untersucht, von denen ein Teil schwache und ein Teil starke FTR-Sprachen sind. Diese Länder sind unter anderem die Schweiz (Deutsch als schwache, Französisch und Italienisch als starke FTR-Sprachen), Belgien (schwach Flämisch, stark Französisch) und auch Singapur (schwach Chinesisch, das ja überhaupt keine Zeiten kennt, stark Malaysisch und Englisch). Auch Burkina Faso, Kongo und Nigeria kommen vor. Die Volksgruppe, pardon: die Sprachgruppe, die kein Futur für die Zukunft verwendet, hat deutlich mehr gespart, lebt gesünder und hat weniger ungeschützten Sex. Außerdem haben diese Sprecher ihre Rente in trockenen Tüchern. Der Forscher belegt das mit jeder Menge Tabellen und Daten, die öffentlich zugänglich sind und die langweiliger kaum sein könnten. Interessant dagegen sind seine Erklärungen, denn er ist tatsächlich der Ansicht, dass die Sprache das Bewusstsein soweit beeinflusst, dass das de facto Fehlen des Futurs ein höheres Bewusstsein von der Zukunft schafft, die irgendwie dadurch, dass sie nicht gekennzeichnet ist, gegenwärtiger wird. Und entsprechend sorgen die jeweiligen Sprecher für die Zukunft vor. Dass Sprache das Bewusstsein beeinflusst ist natürlich nicht neu. Wenn die Sprache der Inuit (früher Eskimos) zwei Dutzend Wörter für gefrorenes Wasser hat oder das Arabisch ein Dutzend oder mehr Brauntöne differenziert (beides schon seit Jahrzehnten beliebte Beispiele von Linguisten), dann hat das natürlich auch mit der Wahrnehmung der Welt zu tun. Was ist mit der Vergangenheit? Doch selbst Chen räumt ein, dass es auch genau anders herum sein kann, dass nämlich die Deutschen, die deutschsprachigen Schweizer, die Finnen und die Chinesen ein klares Bewusstsein von der Zukunft haben und daher die Notwendigkeit, diese sprachlich zu kennzeichnen, nicht sehen. Und einen Aspekt hat Chen ganz außer Acht gelassen, wahrscheinlich weil er kein Deutsch spricht. Das Deutsche der Zukunft wird auch keine Vergangenheit mehr haben. Hat es heute schon nicht mehr bei Fußballern, denn selbst Muttersprachler sagen im Interview: »Wenn ich in der fünften Minute das Tor mache, verläuft das Spiel ganz anders!« Dabei geht es um ein Spiel, das bereits beendet ist – wenn ich das Tor gemacht hätte, wäre das Spiel anders verlaufen – müsste es nach meinem Empfinden heißen. Aber vielleicht werden Nationen, deren Einwohner kein PTR (past-time reference, für diesen Ausdruck habe ich das Copyright!) haben, eher Fußballweltmeister. Da müsste mal einer eine Doktorarbeit zu schreiben… NOTDIENST 05242-9375-0 www.oerpohl-gmbh.de Goldankauf in Wiedenbrück Foto Zeidler, Nikelstraße 9 Sofort Bargeld für Zahngold, Schmuck, Ringe, Münzen. in Zusammenarbeit mit NEW ICE Deutschland GmbH 34 Jahre Goldankauf Bitte Ausweis mitbringen.

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