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Das Stadtgespräch Januar 2019

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56 Das

56 Das Stadtgespräch anzeigen Jährlich besuchen Millionen die Wieskirche. Allgäu der ausgegraben und restauriert worden ist. Im Archäologischen Park findet man zum einen den Tempelbezirk mit wiedererrichteten Kultstätten, die dem Besucher eine Idee des keltisch-römischen Kulturengemischs geben. Noch beeindruckender sind jedoch die Großen Termen, die öffentliches Schwimmbad, Sauna und Sportplatz zugleich waren. Die Kleinen Termen beherbergen ein bestens erhaltenes Heizsystem und eine öffentliche Latrine, besser gesagt Wassertoilette, denn fließendes Wasser sorgte vor 2.000 Jahren für Hygiene. Teufelswerk oder Naturwunder? Die Landschaft um Kempten herum ist vor allem hügelige Idylle, also eher lieblich. Ausgesprochen dramatisch geht es allerdings weiter südlich zu. Die Breitachklamm bei Obersdorf könnte wilder kaum sein. Seit der letzten Eiszeit vor gut 10.000 Jahren zersägt das Wasser den Schrattenkalk des Engenkopfes und lässt dabei eine beeindruckende Naturkulisse entstehen. Die wäre für Besucher vollkommen unzugänglich, wenn nicht der Tiefenbacher Pfarrer Johannes Schiebel dafür gesorgt hätte, dass die Klamm im Jahre 1905 zugänglich gemacht wurde. Das geschah nicht ohne Widerstände, die viele hielten die Klamm für Teufelswerk. Das schreckt heutige Besucher wenig, denn sowohl im Sommer als auch im Winter, wenn die Klamm mit bizarren Eisgebilden überzogen ist, ist der Ansturm derjenigen, die sich die Klamm erwandern wollen, recht beeindruckend. Mehr als 300.000 sind es jährlich, wobei der Löwenanteil auf den Juli/August entfällt – ohnehin keine ideale Zeit für das Allgäu, was das Touristenaufkommen angeht. Aber die Klamm ist nicht Disney-Land, wie der Felssturz von 1995 zeigte. Damals blockierte ein riesiger Felsen den Durchfluss, das Wasser staute sich auf 30 Meter Höhe und riss schließlich den gesamten in den Felsen gebauten Weg mit sich. Der eine oder andere verbogene Eisenträger in der Schlucht zeugt noch heute von dem Naturereignis. Mittlerweile kann man sich die Klamm wieder erwandern, wobei man durchaus schon mal die Kopf einziehen oder sich bücken muss. Auch ist nicht immer garantiert, dass man keinen Tropfen Wasser abbekommt. Romantik auf Schusters Rappen Nicht nur die tiefste Felsenschlucht Mitteleuropas muss man sich erwandern. Anders als zu anderen Sehenswürdigkeiten unseres Kontinents, bei denen man bequem mit Auto oder Bus vorfahren kann, gibt es eine ganze Reihe von interessanten Stätten im Allgäu, die man nur zu Fuß besuchen kann. Dazu gehören auch beispielsweise die Burgen Eisenberg und Hohenfreyberg in der Nähe von Füssen. Beide Burgen sind schon lange Ruinen, die aber mit viel privatem Engagement behutsam wieder restauriert werden. Vom Ort Zell aus kann man beide Burgen, die durch einen kurzen Weg verbunden sind, erwandern. Da beide buchstäblich über dem Ort thronen ist das etwas mühsam, aber der Weg lohnt sich, wird man doch durch grandiose Aussicht belohnt. Erstmals erwähnt wurde die Burg Eisenberg 1340, 200 Jahre später wurde sie durch aufständische Bauern kurzfristig besetzt. Eigentlich war sie in erster Linie wohl von Dirndl als gelebte Tradition Glücklich bimmelnde Kühe den Edelfreien zu Hohenegg zur Abschreckung gedacht und zusammen mit Burg Hohenfreyberg als Gegenpol zur Burg Falkenstein, die die Tiroler Grafen in Sichtweite errichteten. Im Dreißigjährigen Krieg wurden alle drei Burgen zerstört, weil man befürchtete, dass sie in die Hände der Schweden und Franzosen fallen könnten – die dann aber doch nicht kamen. Jedenfalls wurden die Burgen von den eigenen Leuten kurz vor Ende des Krieges 1646 niedergebrannt und auch nicht wieder aufgebaut. Das kann man schade finden, aber auf diese Weise haben sich Baudenkmäler erhalten, die eben

anzeigen 57 Das Fresko lässt die Kuppel rund erscheinen. nicht bis ins letzte Jahrhundert umgebaut wurden. Und für ein wenig Romantik kann man doch mal einen steilen Weg durch den Wald auf sich nehmen! Rokokopracht von himmlischer Schönheit Fast direkt vorfahren kann man dagegen bei der Wieskirche, die streng genommen nicht mehr im Allgäu, sondern im bayerischen Pfaffenwinkel gelegen ist. Von Füssen aus ist sie jedoch schnell zu erreichen. Ursprünglich war die Kirche ein kleiner Wallfahrtsort, denn in den 1730er Jahren entdeckte eine Bäuerin eine Träne im Gesicht der Statue des weniger als eine Million Besucher geschmückt sind. Ursprünglich gegeißelten Heilands. verzeichnet die Wieskirche im Jahr. waren die Motive vor allem religiöser Ab 1744 galt die Wieskirche Also auch hier: besser außerhalb Natur, wobei oft Szenen als Wallfahrts- der Hauptsaison kommen. aus der Passionsgeschichte dar- ort, ein Jahr später gestellt sind. Nach den Malereien wurde neun Jahre lang Herrgottschnitzer und sind auch manche Häuser benannt. die Kirche im Stil des Lüftlmaler Niemand hat gemeint, dass Rokoko erbaut. Nach Wer schon mal die Wieskirche Pontius Pilatus im Pilatushaus der Restauration, die besucht, der ist auch nicht mehr gewohnt hat. Aber auch Alltagsszenen 1991 beendet wurde, weit von Oberammergau entfernt. zieren heute die Häuser. steht die Kirche nunmehr Dieser Ort hat natürlich auch im Während die Malereien vor allem in ihrer alten Sommer und für Skifahrer im Win- auf das 18. Jahrhundert zurückge- Pracht da. Und prächtig ter Hauptsaison, doch die tatsächhen, besteht die Holzschnitzkunst ist sie in der Tat lichen Besucherschwärme gibt mindestens seit dem Mittelalter. und beeindruckt die es alle zehn Jahre. Dann finden Was nachweislich die Mönche im Besucher, von denen nämlich die Passionsfestspiele 12. Jahrhundert begannen, setzte die wenigsten religiöse statt – und das schon seit 1633. sich bis heute fort. In der heutigen Pilger sind. Von außen sieht Damals hatten die Bewohner des Schnitzschule Oberammergau, ei- die Kirche eher aus wie eben eine Ortes im Ammertal gelobt, dass ner staatlichen Berufsfachschule typisch bayerische Dorfkirche vor sie alle zehn Jahre Passionsspiele für Holzbildhauer, kann in dreijähriger schöner Bergkulisse. Doch im Innenraum aufführen würden, wenn sie nur Ausbildung der Gesel- haben sich Künstler al- von der Pest verschont blieben. lenbrief erworben werden. Ent- len ersten Ranges verewigt, vom Sie blieben – und folglich fanden sprechend sind die Souvenirs hier Architekten über Maler bis zum die Passionsspiele seit dieser Zeit ebenso zahlreich wie – jedenfalls Stuckateur. Grandiose Fresken statt. Beim letzten Mal 2010 gab zum Großteil – geschmackvoll schmücken Wände und Decken. es nicht weniger als eine halbe und nicht billig. Gastronomisch Dabei scheint der ganze Raum zu Millionen Besucher. Für die Spiele lässt der Ort natürlich auch keine Wünsche offen. Nur mit dem schweben und ist lichtdurchflutet. 2020 wird jetzt schon kräftig geworben. Doch auch wenn es kei- Wetter ist es so eine Sache, denn Allerdings ist die Wieskirche kein Geheimtipp mehr, wie ein Blick ne Passionsspiele gibt, bei denen Oberammergau zählt zu den drei auf die Parkmöglichkeiten schon nach wie vor nur Oberammergauer regenreichsten Orten Deutschlands. Hier regnet zweimal mehr verdeutlicht. Denn seit sie zum mitspielen, bekommt der Besucher einiges zu sehen. Das sind als bei uns! Aber einen Abstecher Weltkulturerbe erklärt wurde, findet keine Bayern Rundtour mehr zum Beispiel die Lüftlmalereien, ist die Heimat von Ludwig Thoma ohne einen Stopp hier statt. Nicht mit denen die Häuser farbenfroh trotzdem alle Male wert.

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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