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Das Stadtgespräch Januar 2016

Das Magazin für Rheda-Wiedenbrück

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16 Das Stadtgespräch CITY-OUTLET-PLÄNE IN RIETBERG CITY-OUTLET-PLÄNE IN RIETBERG Der Widerstand gegen Egoismus und Ellenbogen mentalität formiert sich Die City-Outlet-Pläne in Rietberg sorgen für Schlagzeilen. Allgemein werden in den Nachbarkommunen Rietbergs von einem City-Outlet-Center negative Auswirkungen im innerstädtischen Einzelhandel erwartet. Nicht zu Unrecht! Das zeigen die Erfahrungen aus den Vorbildern Rietbergs. »So viel Begeisterung war lange nicht in der Stadt.«, schreibt das Handelsjournal ein halbes Jahr nach Eröffnung eines Outlet- Centers in Bad Münstereifel am 20. Februar 2015: »Fanfaren erklangen, Schützenbrüder schossen in die Luft, der Bürgermeister strahlte.« Für das 20.000-Einwohner-Städtchen war das Outlet- Center der große Wurf gegen die Abwärtsspirale. Bereits in den ersten vier Tagen sollen 70.000 Besucher durch die Straßen gebummelt sein. Beim ersten verkaufsoffenen Sonntag gingen mehr als 25.000 Menschen auf Schnäppchenjagd. Das Konzept ist bundesweit einmalig: Anstatt, wie sonst üblich, Center auf der grünen Wiese zu bauen, sind die Outlethändler in der historischen Altstadt von Bad Münstereifel zwischen örtlichen Einzelhändlern angesiedelt. Bundesweit bestehen mittlerweile über 11 Center – vor allem auf mittlere und kleinere Städte haben Outlet-Investoren ihr Augenmerk geworfen. Outlet-Center als Medizin gegen die Krise des stationären Handels? Die Medizin schmeckt gut, doch der Beipackzettel hat es in sich: Die Liste der Risiken und Nebenwirkungen ist lang und bedrohlich, geht aus dem Bericht des Handelsjournals hervor. Hans-Jürgen Lange, Einzelhändler im niedersächsischen Soltau und Vorsitzender des örtlichen Handels- und Gewerbeverbandes erleidet beispielsweise derzeit toxische Nebenwirkungen des Outlet-Booms. Seit Eröffnung des »Designer Outlet Soltau« 2012 haben die Händler in der City im Durchschnitt 15 Prozent Umsatz verloren, die Textilhändler gar 30 Prozent. Die letzten inhabergeführten Bekleidungsgeschäfte haben inzwischen das Handtuch geworfen. Derartige Fehlentwicklungen wirken offenbar keineswegs abschreckend – der Wunsch nach einem eigenen Outlet ist in vielen Kommunen größer denn je. Gerne verweisen die Stadtväter auf Gutachten und Potenzialanalysen, die hinreichend regionale Nachfrage nach Outletangeboten ausgemacht haben. Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, hat grundsätzliche Bedenken: »Viele notleidende Städte sehen in den Outlet-Centern einen Rettungsanker für ihren Haushalt, doch in der Realität werden meist lediglich Kaufkraftströme zu Lasten anderer Gemeinden umgeleitet. Das ist alles andere als nachhaltig.« Östlich des Ruhrgebiets hat derzeit die Stadt Werl den Zorn ihrer Nachbarn mit dem geplanten 13.800 qm großen »Werl Style Outlets« und den projektierten 6000 Besuchern pro Tag auf sich gezogen. In einer gemeinsamen Erklärung kritisierten die Bürgermeister von Dortmund, Hamm und 18 weiteren Städten das Projekt außerordentlich scharf und drohen, mit allen rechtlichen und politischen Mitteln dagegen vorzugehen. Das Werler Projekt verletze die »Spielregeln«, indem es Millionen von Steuergeldern entwerte, die die Kommunen in der Vergangenheit in die Attraktivitätssteigerung ihrer Innenstädte investiert hätten. Sowohl die Ruhrgebietsstädte als auch die ländlichen Gemeinden der Region befürchten in ihren Innenbereichen massive Einbußen in wichtigen Sortimenten wie Schuhe und Bekleidung, schreibt das Handelsjournal. Der Projektbetreiber hält derartige Szenarien für übertrieben: Zwar seien die Verlagerung von Kaufkraftströmen nicht zu übersehen, doch seien sie für die einzelnen Gemeinden selten signifikant. Die Effekte auf die Nachbarstädte seien »wirtschaftsstrukturell, städtebaulich und raumordnerisch verträglich einzustufen. Zweifel sind angebracht. Nicht wenige Experten beurteilen die Daheim e.V. – den Menschen pflegen Wir wünschen allen ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

17 regionalen Auswirkungen vieler Outlet-Center in Deutschland deutlich skeptischer, so das Handelsjournal. Der Flurschaden zeigt sich erst später: »Wenn einige Jahre nach der Eröffnung eines Outlets der Schaden im innerstädtischen Einzelhandel unübersehbar ist, sind viele der einstigen politischen Wegbereiter solcher Projekte nicht mehr im Amt.«, zürnt Stadtplaner Walter Brune, der als einer der schärfsten Gegner des Outlet-Booms gilt, in seiner Streitschrift »Factory Outlet Center – ein neuer Angriff auf die City.« Die Outlet-Direktverkäufer können vorgeschaltete Großhändler umgehen und die Handelsmargen direkt an die Endverbraucher weitergeben. Was vielen Verbrauchern nicht bewusst ist: Ein erheblicher Teil der für den Outletabsatz produzierten Textilien ist von minderer Qualität. Das trägt zur Kostensenkung, einem niedrigen Endpreis und der Sicherung der angestrebten Rendite bei. Der Handelsexperte Roeb erwartet, dass selbst im viel beachteten Bad Münstereifel bald wieder grauer Alltag einkehren wird. Schließlich stehe im nahen holländischen Roermond ein Outlet, das zu den drei erfolgreichsten Centern in Europa gehört. Triebfeder des Outlet-Booms bleiben kommunaler Egoismus und Ellenbogenmentalität. All das beirrt Andreas Sunder, Bürgermeister der Stadt Rietberg, in keinster Weise. Er schreibt in der November-Ausgabe der Ostwestfälischen Wirtschaft, herausgegeben von der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen: »An unserer ›Haupteinkaufsstraße‹ stehen mehr als 15 Geschäfte leer. Deshalb habe ich mich als Bürgermeister dafür stark gemacht, dass wir ein ›City-Outlet-Center‹ nach dem Vorbild Bad Münstereifel bekommen. Ich bin mir sicher, auch der Einzelhandel in umliegenden Städten wird durch diese ganz spezielle Vertriebsform nicht geschwächt. Ich bin sogar überzeugt, dass beides nebeneinander funktionieren kann.« Der letzte Nebensatz spricht für sich: Sunder ist sich offensichtlich doch nicht so sicher über das Ausbleiben negativer Auswirkungen seines Outlet-Centers wie er vorgibt. Mit kommunalem Egoismus und Ellbogenmentalität geht er darüber hinweg und treibt sein Outlet-Projekt weiter voran. Geradezu merkwürdig ist die Beauftragung des Wiesbadener Unternehmens Ecostra mit der Erstellung der Verträglichkeitsanalyse. Ein Unternehmen, das sich mit Studien pro Outlet profiliert hat, empfiehlt sich sicherlich nicht für die Begründung der regionalen Verträglichkeit für die Nachbarstädte, entnehmen wir der Neuen Westfälischen. Derweil wächst der Widerstand gegen die Rietberger Pläne. Beispielsweise schlug die Gütersloher Stadtverwaltung den Politikern im Planungsausschuss Anfang November vor, erhebliche Bedenken gegen die Pläne geltend zu machen. Die Kreisstadt befürchtet, dass Gütersloh alleine in dem Segment Textil/ Sport fast sieben Millionen Euro Kaufkraft verliert, wenn Rietberg die Pläne durchzieht. Für den Fall, dass das 9000 Quadratmeter große Outlet-Center erst der Anfang eines Ausbaus sein sollte, kündigte der Sprecher des Gütersloher Einzelhandelsverbands Rainer Schorcht massiven Widerstand an. Ebenfalls die Stadt Rheda-Wiedenbrück will agieren. Auf unsere Nachfrage schreibt Pressesprecherin Maximiliane Plöger: »Im Dezember wird eine Stellungnahme erwartet, die wiederum Stellungnahmen der umliegenden Städte beinhaltet sowie eine Verträglichkeitsanalyse, die zeigt, welche Auswirkungen das Outletcenter auf Kommunen hat.« In den zurück liegenden Monaten hatten die Fachhändler aus Rheda-Wiedenbrück der Stadt bereits mehrfach ihre Befürchtungen über die negativen Auswirkungen der Rietberger Outlet-Pläne vorgetragen. Kurzum: Viele Aspekte sprechen dafür, dass das geplante »City- Outlet-Center« in Rietberg Kunden aus Rheda-Wiedenbrück und den anderen Nachbarkommunen abzieht. Rietberg will zu Lasten der Nachbarschaft seiner Innenstadt eine Perspektive geben. Kommunaler Egoismus und Ellbogenmentalität sind die Triebfedern dieses Agierens. Sie sind abzulehnen. Rheda-Wiedenbrück muss sich dagegen gemeinsam mit den anderen Kommunen wehren! Raimund Kemper

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