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Das Stadtgespräch Februar 2018

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46 Das

46 Das Stadtgespräch Eingang zur Felsenkirche Hohe Wertschätzung für Tradition erlichen historischen Romanen als Kulisse dienen könnte. Noch beeindruckender jedoch ist die Landschaft. Rötlich schimmern die Felsformationen fast so wie in den Canyons der USA oder zumindest wie im Elbsandsteingebirge. Naturliebhaber finden Wanderwege vor und wer gerne ein Päuschen einlegt, bekommt hier Kaffee und Kuchen. Ja, auch die roten Bonzen wussten, wo es wirklich schön ist. Auf der Fahrt zurück zum Schiff kommt man durch Dörfer, in denen die Zeit stehengeblieben scheint. Der Nachwuchs scheint auch gesichert, denn überall finden sich Klapperstörche, die ja bei uns so selten geworden sind. Oder liegt das etwa an der traditionellen Landwirtschaft? Mitten im Russisch-Osmanischen Krieg Ungefähr auf halber Strecke zwischen serbischer und rumänischer Südwest-Grenze liegt der Donauhafen Nikopol. Von dort aus ist es nicht mehr weit bis zur Provinzstadt Pleven. Der 150.000 Einwohnerort verfügt über eine eigentümliche, aber dennoch sehr beeindruckende Sehenswürdigkeit – vergleichbares hatte ich bis zu meinem Bulgarienbesuch nicht gesehen. Es handelt sich um das sogenannte Panorama Pleven, das 1977 erbaut wurde. Der eigens für die ewige russisch-bulgarische Freundschaft errichtete Rundbau beherbergt eine beeindruckende Galerie, von der aus man Szenen des russisch-osmanischen Kriegs sieht. Dabei sind im Vordergrund tatsächliche Objekte, großenteils Originale, ausgestellt, die Hintergründe sind gemalt. Wo jedoch das Plastische aufhört und die Malerei anfängt, ist auf den ersten Blick nicht auszumachen, so raffiniert haben die Künstler mit Perspektive, Ausleuchtung und Schatten gearbeitet. Die einzelnen Szenen der Ereignisse aus dem Jahre 1877 sind sehr realistisch dargestellt. Die Schützengräben, die Waffen und die Ausrüstung sehen aus, als seien sie gerade zurückgelassen worden. Ob die Botschaft »die Russen haben uns vor dem Islam gerettet und dafür sind wir ewig dankbar« tatsächlich noch heute von den Bulgaren getragen wird, das sei einmal dahingestellt. Moderner Chic statt Ostblockmief Zumal sich die Osmanen vergleichsweise, auch verglichen mit heutzutage übrigens, liberal verhalten haben. Wie man in Rousse (auch in lateinischer Umschrift des Kyrillischen Ruse geschrieben) und anderen großen Städten sehen kann, durften die Bulgaren sehr wohl ihren eigenen christlich-orthodoxen Glauben über Jahrhunderte praktizieren. Einschränkungen gab es lediglich bei der Höhe der Bauten der orthodoxen Kirchen, die gerne etwas ausladender errichtet wurden mit reichlich Gold im Inneren. Die Bauvorschrift der Osmanen, die rund ein halbes Jahrtausend die Herren des Balkans waren, sah vor, dass kein Gebäude höher als die Moscheen der Stadt sein durfte. Folglich errichteten die orthodoxen Christen ihre Kirchen so, dass die Kuppel ebenerdig war und die eigentlich Kirche unter der Erde. Man steigt also noch heute steile Stufen ins Innere der Kirchen hinab. Doch nicht allein die Kirchen machen die fünftgrößte Stadt Bulgariens sehenswert. Zumindest in der Altstadt herrscht statt Ostblock-Tristesse buntes Leben. Viele der alten Bauten sind liebevoll renoviert und zeigen die bewegte Geschichte der Stadt, die seit den Römern wichtiger Donauhafen war. Ab dem 15. Jahrhundert war die Stadt immer wichtiger für den Handel. Hier trafen sich der Orient und der Westen, es entstanden internationale Schulen, Konsulate, Handelsniederlassungen, Hotels und Bibliotheken. Der Spitzname war Klein-Wien. Immer mehr der zu Ostblockzeiten verfallenen Bauten von hohen Beamten, Adeligen und reichen Kaufleuten sind renoviert worden. Auch das Geburtshaus von Elias Canetti, dem deutschsprachigen Literatur-Nobelpreisträger, kann man heute besichtigen. Restaurants, Cafés, reichlich Einkaufsmöglichkeiten und gepflegte Parks runden den Eindruck einer Großstadt mit Chic ab. 25 Kilometer von Rousse entfernt befindet sich die Felsenkirche Ivanovo. Felsenkirche ist dabei eigentlich als Begriff zu kurz gegriffen, denn es handelt sich um eine ganze Klosteranlage, die in den Felsen geschlagen wurde – und an der man glatt vorbeifahren oder sogar laufen würde. Von außen, besser gesagt von unten, ist nur ein winziger Balkon hoch im Felsen zu erkennen. Derjenige, der den schweißtreibenden Aufstieg nicht scheut, wird belohnt durch den grandiosen Ausblick, der sich von oben bietet. Noch beeindruckender sind jedoch die Höhlen mit ihren einzigartigen Wand-Malereien aus dem 13. Jahrhundert. Der Erhaltungszustand der Farben ist kaum zu glauben, was vielleicht auch daran liegt, dass Ivanovo weit vom Schuss ist, sieht man einmal von den Donaukreuzfahrern ab.

47 Patriarchenkirche in Bukarest Nicht unbedingt TÜV geprüft Der Wahn des Patriarchen Gegenüber von Rousse und mit einer beinahe drei Kilometer langen Brücke, natürlich »Brücke der Freundschaft« genannt, verbunden, liegt das rumänische Giurgiu, das für die allermeisten Kreuzfahrer Ausgangspunkt für die Fahrt in die Hauptstadt Bukarest ist. Dafür kachelt man erst einmal eine Stunde durch die Walachei – also nicht bildlich gesprochen, sondern tatsächlich. Die Walachei bildet den trockenen rumänischen Süden, der sich deutlich etwa von Siebenbürgen unterscheidet. In Bukarest angekommen, erwartet den geneigten Besucher mit dem Parlamentspalast eines der gewaltigsten Bauwerke der Welt. In seinen Ausmaßen wird das Verwaltungsgebäude nur vom Pentagon übertroffen. Die Grundfläche beträgt 65.000 Quadratmeter, der Bau ist 275 Meter lang und 235 Meter breit. Die Höhe beträgt »nur« 86 Meter in acht Etagen – der größte Teil des Gebäudes, nämlich 92 Meter, befindet sich unter der Erde. In nur fünf Jahren errichteten 20.000 Arbeiter in Schichten rund um die Uhr das größenwahnsinnige Projekt des rumänischen Staatspräsidenten, besser gesagt Diktators Nicolae Ceaușescu, der seit 1965 in stalinistischer Manier regierte. 1989 war der Bau dann fertig, in dem mehr als eine Million Kubikmeter Marmor aus Siebenbürgen, 480 Kronleuchter, dreieinhalbtausend Tonnen Kristall und mehr als zweitausend Kilometer elektrische Leitungen verbaut wurden – und das in einem der ärmsten Länder Europas. Um Platz für diese monströse Metapher für maßlose Tyrannei, wie ein britischer Historiker den Bau nannte, zu schaffen, wurden ein Dutzend Kirchen, drei Synagogen und 40.000 Wohnungen platt gemacht, zum Teil historische Bauten. Anschließend ließ der Diktator auch noch entsprechende Universitätsgebäude direkt daneben errichten für seine Frau, die offiziell der Universität vorstand und als Gelehrte von Weltruhm zu gelten hatte, obwohl sie die Schule mit 14 abgebrochen hatte. Fünf Jahre lang hatte der Bau des Palastes 40 Prozent des Staatshaushalts gefressen! Als das Volk sich 1989 erhob, rief Ceaușescu den nationalen Notstand aus, schaffte damit Gerichtsverhandlungen ab und besiegelte somit letztlich sein eigenes Schicksal, denn es wurde buchstäblich kurzer Prozess mit ihm gemacht und zusammen mit seiner Frau wurde er standrechtlich erschossen. Doch auch außer des Palasts des Volkes, wie der faszinierende Moloch heute genannt wird, gibt es einiges in Bukarest zu sehen. In Rumänien führen nicht alle Wege nach Rom, sondern hierhin. Vom Parlamentspalast führt der Prachtboulevard bis zum Vereinigungsplatz, wo die Straßen Bukarests sternförmig zusammenlaufen. Ganz in der Nähe liegt auf einem Hügel die Kathedrale des Patriarchats innerhalb einer ehemaligen Klosteranlage. Es drängt sich der Eindruck auf, als wollen die Rumänen hier und andernorts klarmachen, dass das Land eben nicht nur durch kommunistische Diktatur und Armut geprägt ist. Man konzentriert sich eher auf Traditionen, die schon jahrhundertealt sind. Auch hat man das Gefühl, dass die Volksmusik und Trachten eine wichtige Rolle bei der nationalen Identitätsfindung spielen. Die Folkloregruppen, die die Touristen unterhalten, unterscheiden sich deutlich von anderen Unterhaltungsprofis durch die Freude, mit der sie den ausländischen Besuchern ihre Trachten, ihre Lieder und Tänze präsentieren. Und auch das Dorfmuseum liegt ganz nahe der Innenstadt Bukarests und ist ein beliebtes Ausflugsziel. Dort werden insgesamt 300 Häuser, Bauernhöfe und Kirchen aus allen Landesteilen ausgestellt in der jeweils typischen Bauweise. Das Ganze hat den Charme des liebevoll Improvisierten. Nur ein paar hundert Meter weiter beginnt dann das moderne, junge Bukarest mit seinen Boutiquen, den Einkaufspassagen und Restaurants. Über angesagte Lokale informieren die vielen modernen oder modernisierten Hotels der Stadt. Im letzten Teil der Donaukreuzfahrt zum Schwarzen Meer geht es in der nächsten Ausgabe um Moldawien und um das Donaudelta.

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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