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Das Stadtgespräch Februar 2018

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18 Das Stadtgespräch Lasst die Blagen spielen Dass Kevin und Jacqueline (sprich: Jakeline) es bei uns nicht leicht haben, ist längst klar. Doch auch für Charlotte und Maximilian ist das Leben nicht leicht. Denn es gibt einiges zu lernen, schließlich sollen doch keine Versager herangezogen werden. Und Erfolgsmenschen brauchen einfach spätestens ab der Grundschule ein ordentliches zusätzliches Programm neben dem üppigen Lehrplan der Bildungsanstalt. Da darf es gerne mal Chinesisch sein. Nach der Schule kommt für manch künftigen Erfolgsmenschen die Englischnachhilfe für Klasse 4, versteht sich. In der übrigen Freizeit wird selbstverständlich auch nicht herum getrödelt, denn dann werden Reiten, Klavier oder Geige sowie diverse andere Klassiker wie Ballett oder aktuelle Trendsportarten ausgeübt. An Wochenenden geht es dann im Idealfall zu Wettkämpfen oder Konzerten, natürlich als Teilnehmer. Wenn es für beides nicht reicht, findet sich schon noch eine andere Aktivität, die angemessen auf die Leistungsgesellschaft vorbereitet. Und dann ist da ja auch noch der Sicherheitsaspekt. Was kann nicht alles passieren, wenn die Kinder zum Beispiel auf einen Baum klettern oder über einen Bach springen. Zumal das den Nachwuchs ja auch bildungsmäßig überhaupt nicht weiterbringt! Allerdings gibt es seit einiger Zeit auch immer mehr Kinder, die unter Aufmerksamkeitsdefizitstörung, Angststörung oder Depression leiden. Glückliche kleine Dänen Wenn man so die Wochenpläne mancher Kinder sieht, dann fragt man sich: Wann spielen die eigentlich? Also nicht spielen im Sinne von Fußball oder Geige, sondern spielen einfach so, ohne Anleitung, ohne erklärtes Ziel und vor allem ohne Erwachsene? Keine_Erzeihungshektik Kinder auch mal laufen lassen Genau diese Fragen stellt auch Iben Dissing Sandahl, ihres Zeichen Psychologin. Die gute Frau kommt aus der Nation, die Jahr für Jahr die Hitliste der glücklichsten Völker anführt: Dänemark. Und laut der dänischen Psychologin scheint unser kleiner Nachbar im Norden offenbar einiges richtig zu machen, unter anderem auch die Kindererziehung. Dort wird offenbar das Spielen ohne Regeln und Gebote nicht als Zeitverschwendung angesehen. Auch ist der Sicherheitsaspekt nicht übermäßig ausgeprägt. In Dänemark scheinen viele Eltern eher entspannt an die Erziehung heran zu gehen. Wenn Streit im Sandkasten herrscht, dann sollen die Kurzen es erst einmal unter sich ausmachen. Die Eltern mischen sich nicht ein oder erst dann, wenn es tatsächlich gefährlich wird. Dort lässt man die Kinder laufen – nicht nach Stoppuhr in der Kampfbahn, sondern einfach draußen. Es ist kein reines Gefühl, dass die Zeit zum Spielen für heutige Kinder weitaus kürzer ist als für deren Eltern und Großeltern. Amerikanische Langzeitstudien belegen, dass in westlichen Gesellschaften die echte, nicht geplante Spielzeit in den letzten fünfzig Jahren dramatisch abgenommen hat. Das hat auch damit zu tun, dass Eltern heute möglichst viel dafür tun wollen, ihre Kinder vor der Welt voller Gefahren zu schützen und sie optimal für ein erfolgreiches Erwachsenenleben vorzubereiten. Allerdings führt das zu dem, was die Psychologen die erlernte Hilflosigkeit nennen. Was der moderne (und auch der unmoderne) Mensch braucht ist das genaue Gegenteil, nämlich das, was in psychologischem Schlau-Sprech Kontrollüberzeugung genannt wird. Das bezeichnet den Glauben des Menschen daran, über sein Leben selbst bestimmen zu können. Und um genau das zu entwickeln, muss der Mensch Lernerfahrungen in sozialen Situationen sammeln. Sprich, Kinder müssen lernen weniger ängstlich zu sein und besser mit Frustration umzugehen. Im Spiel entwickeln sie die Fähigkeit, sich nach Niederlagen wieder aufzurappeln. Auch lernen sie, Gefühle zu regulieren und mit Stress umzugehen. Das leuchtet mir persönlich ein. Vielleicht weil ich selbst als Kind im Hambusch gespielt habe, auf Potts Wiese im Modder versunken bin und Fahrradtouren mit meinen Freunden nach Stromberg unternommen habe, ohne dass uns irgendwer von den Eltern dazwischengequatscht hätte. Das ist möglicherweise mehr wert als die zusätzliche Chinesisch-Stunde – behaupten die Dänen heute noch!

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Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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