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Das Stadtgespräch Februar 2017

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48 Das

48 Das Stadtgespräch Neues von der Badehandtuch- Front Bietet mehr Möglichkeiten · Unterstützung, so wie Sie es sich wünschen · persönliche Beratung · Pflege und Betreuung zu Hause · Aktivierung Ihrer Stärken · Pflegepause für Angehörige · Begleitung in der letzten Lebensphase Ihr Pflegeund Betreuungsdienst 7 Tage in der Woche, 24 Stunden am Tag, im Kreis Gütersloh 0 52 41 504 67-87 pflege@spi-gt.de www.spi-pflegt.de Verler Straße 6, 33332 Gütersloh Sozialpädagogisches Institut e. V. (SPI) Mein Bekannter, nennen wir ihn Dieter, ist so einer. Wenigstens gibt er es auch zu. Nämlich, dass er im Urlaub morgens deutlich vor dem Frühstück schon zum Pool eilt, um per Handtuch für sich und seine Frau einen Platz zu reservieren. Denn wenn man erst um elf Uhr am Pool ist, so das Argument, dann sind schließlich alle Plätze besetzt. Mich nervt so etwas kolossal, ja ich finde sogar, das schädigt unseren Ruf als Nation. Offenbar geht das nicht nur mir und vielen anderen Urlaubern so, sondern auch Hotelbetreibern, Mitarbeitern in der Touristikbranche, Gemeindeverwaltungen, Polizei und sogar Psychologen. Und auch Gerichte sind schon eingeschaltet worden, wobei das Landgericht München einem Kläger nicht Recht gegeben hat. Der nämlich hatte argumentiert, dass 642 Liegen bei 1.080 Gästen ein offensichtlicher Reisemangel wären, der finanziell zu vergüten wäre. Aber einen festen Schlüssel Urlauberzahl zu Liegenzahl gibt es nicht, man könne höchstens bei einem eins zu zehn-Verhältnis beim Veranstalter um Preisminderung nachfragen. Weder über die Anzahl der Liegen noch über den Umgang mit ihnen gibt es ein Gesetz oder auch nur eine einheitliche Regelung. Diese liegt in der Hand des jeweiligen Hotels, das oftmals an die Gäste appelliert, das Reservieren doch bitte zu unterlassen. Da haben sie natürlich die Dickfelligkeit vieler Zeitgenossen nicht einkalkuliert, die nette Hinweise vollkommen ignorieren. Manche Hotels gehen dazu über, erst ab bestimmten Zeiten den Poolbereich zugänglich zu machen, der Handtuchkampf beginnt dann erst ab acht Uhr oder halb neun. Und auch dann bedeutet ein Handtuch auf der Liege nicht, dass sie reserviert ist, jedenfalls rein rechtlich nicht. In manchen Hotels werden die Reservierer mittlerweile direkt angesprochen oder die jeweiligen Handtücher eingesammelt. Man muss sie ja nicht gleich verbrennen, wie ein Brite das vor ein paar Jahren gemacht hat. Reservieren kann teuer werden Ganz anders sieht es im öffentlichen Raum aus. Im letzten Sommer sind die italienischen Behörden von Ligurien bis Kalabrien dazu übergegangen, die Wahl der Waffen im »guerra ad ombrellone selvaggio« (Krieg gegen die wilden Sonnenschirme) zu verschärfen. Öffentliche Strände sind in Italien nämlich Gemeingut im Besitz des Staates. Die jeweiligen Gemeinden können bestimmte Abschnitte des Strandes verpachten, etwa an Verleiher von Liegestühlen und Sonnenschirmen. Der Rest des Strandes bleibt öffentlicher Raum, der für alle zugänglich sein muss. Das ist er aber nicht mehr, wenn die Leute schon vor dem Frühstück ihre Liegen, Sonnenschirme und Badetücher dort deponieren. Entsprechend wurden im letzten Sommer Beamte der italienischen Küstenwache losgeschickt, die Liegestühle, Sonnenschirme, Badetücher und sogar Schwimmkleidung eingesammelt haben. Wer dumm genug war, sich die Sachen wieder abholen zu wollen, dem wurde zudem noch ein Bußgeld von 200 Euro aufgebrummt. Zum Vergleich: Das Überfahren einer roten Ampel kostet bei unseren südlichen

49 Nachbarn ab 170 Euro, das Handy am Steuer ab 160 Euro. Es hatte offenbar niemand damit gerechnet, dass die Italiener so entschlossen gegen die Unart mit langer Tradition vorgehen würden. Wer diese unselige Tradition begründet hat, wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Niederländer, Deutsche und Briten sind die Gruppen, die von den Touristikleuten genannt werden, wobei die landläufige Meinung ist, dass die Deutschen wohl die schlimmsten sind. Dem ist aber nicht so, wie die Briten selbst herausfanden, denen man ja alles Mögliche nachsagen kann, aber nicht, dass sie nicht fair sind. Die britische Reiseplattform Travelsupermarket hat jeweils 2.000 britische und 2.000 deutsche Urlauber befragt und dabei festgestellt, dass doppelt so viele Briten der Unart des Reservierens frönen als Deutsche. Bei Befragungen in Deutschland kam immerhin heraus, dass mehr als 13 Prozent der Befragten zugaben, selbst vor Sonnenaufgang zum Pool zu tapern – über 20 Prozent machten zu dieser Frage keine Angabe, was ja auch irgendwie eine Antwort ist. Welche Geisteshaltung steht dahinter? Bleibt noch die Frage, warum man überhaupt reserviert. Diplom Psychologe Michael Thiel vertritt die Ansicht: »Dahinter steckt der Wunsch nach Kontrolle«. Wenn ich also eine Liege reserviere, dann kann ich sicher sein, dass ich den optimalen Platz haben werde. Wenn nicht, dann male ich mir die schlimmsten Szenarien aus – vielleicht muss ich gar ohne Liege sonnen, was ja fast ein Fall für die Menschrechtskommission ist. Psychologen nennen das die Erwartungsangst. Schon der alte Freud hat uns Deutschen attestiert, dass wir immer nur das Schlechteste erwarten. Und in den schönsten Wochen des Jahres kann man einfach nicht mit dem Schlechten leben, also einer Liege in der dritten Reihe. Die Frau von oben genanntem Dieter hat einmal zu mir gesagt: »Ich würde verrückt, wenn ich morgens nicht wüsste, wo ich abends übernachten werde«. Auch meine Erwiderung, ich würde auf jeden Fall in einem Bett schlafen, ich wüsste nur noch nicht, wo das steht, konnte sie nicht überzeugen. Planungssicherheit zu verlieren baut bei ihr und Dieter offenbar großen psychischen Druck auf. Was tun mit Reservierungshandtüchern? Wie aber reagiere ich nun, wenn ich gut gesättigt vom Frühstück komme und am menschleeren Pool nur belegt Liegen finde? Ich Liegen satt – kein Stress könnte beispielsweise den Symbolcharakter des Badehandtuchs nicht anerkennen. Wo steht, dass ein Handtuch als Reservierungsnachweis gilt? Es ist kein Behindertenparkplatz oder auch nur ein »reserviert«-Schildchen im Restaurant. Ich kann also das Handtuch beiseite legen und habe eine Liege. Doch vermutlich habe ich auch Ärger an der Backe, denn der Handtuchbesitzer wird sich vermutlich ordentlich aufregen, wenn er sich dann doch mal zum Pool bemüht. Nicht selten ist es sogar in der Vergangenheit zu Handgreiflichkeiten gekommen – da kommt es vielleicht ein bisschen auf die Gewichtsklasse des Gegenübers an. Der konfliktfreiere Weg wäre der Gang zum Hotelier, der sich dann um das Problem kümmern sollte. Vielleicht hilft auch die Poolaufsicht, so denn vorhanden, weiter. In Ländern mit Bakschisch-Kultur hilft das Personal motiviert durch einen kleinen Obolus gerne weiter – auch und gerade in all-inklusive- Anlagen. Doch auch in anderen Ländern hat sich noch niemand von den Angestellten über ein Trinkgeld beschwert. Oder man befolgt den Rat des Psychologen und hebt den ganzen Vorgang auf die Meta-Ebene. Sie verstehen nur Bahnhof? Also, man stellt sich der Situation der belegten Liegen am Pool oder Strand nicht, sondern betrachtet sie von außen, etwa von der Bar aus. Dort könne man dann ein kühles Getränk zu sich nehmen und sich die Liegenbesetzer anschauen und sich fragen, warum die alle so gestresst sind. Anschließend suche ich mir ein Plätzchen woanders, denn wer will schon neben Leuten den Tag verbringen, die von Kontrollverlustängsten und Panik vor Planungsunsicherheit geplagt sind?

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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