Aufrufe
vor 1 Jahr

Das Stadtgespräch Dezember 2019

Mein Rheda-Wiedenbrück und Das Stadtgespräch Ausgabe Dezember 2019

68 Das

68 Das Stadtgespräch Costa Rica steht auf Reggae und auf Salsa Costa Rica – die Schweiz Latein amerikas? Wenn man sich über das mittelamerikanische Costa Rica informiert, stolpert man meist sehr schnell über das Etikett: Die Schweiz Lateinamerikas. Das ist wahr und nicht wahr. Das zentralamerikanische Land, das im Norden von Nicaragua und im Süden von Panama begrenzt wird, ist nur unwesentlich größer als die Schweiz. Noch wichtiger ist wohl, dass Costa Rica sich um Neutralität bemüht. Seit 1949 gibt es keine Armee mehr – das ist übrigens das Jahr, in dem auch das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. In der Schweiz geschah das erst 1971; das nur so am Rande. Auch von bürgerkriegsähnlichen Zuständen blieb das Land, das bereits 1821 die Unabhängigkeit von Spanien erlangte, weitestgehend verschont. Unser Auswärtiges Amt Der Blick in die Bäume lohnt spricht daher davon, dass Costa Rica im zentralamerikanischen Kontext ein Musterland ist. Auf diesen Kontext kommen wir später noch. Jedenfalls ist es so, dass politische Stabilität und sozialer Frieden Merkmale des kleinen Staates sind. 1987 erhielt sogar Präsident Óscar Arias Sánchez für sein Engagement bei der friedlichen Beilegung von Konflikten in Mittelamerika den Friedensnobelpreis. Seit 80 Jahren gibt es keinen Diktator mehr und die Volksvertreter, die alle vier Jahre gewählt werden, sind keine Marionetten wie in so vielen anderen Ländern dieser Welt. Auch die Gewaltenteilung wird ernst genommen, und die Medien des Landes rangieren auf die Liste der Pressefreiheit auf Rang 10 weltweit. Und selbst die Korruption, die große Geißel nicht nur Lateinamerikas, fällt weitaus geringer aus als in anderen Staaten des Kontinents. Costa Rica liegt auf dem gleichen niedrigen Rang wie Spanien. Keine europäischen Maßstäbe anlegen Bei einer Reise nach Costa Rica sollte man dennoch keine europäischen Maßstäbe anlegen, denn es gibt ja den zentralamerikanischen Kontext, wie es das Auswärtige Amt so schön formuliert. Wenn der Reisende erwartet, alles klappe hier wie ein Schweizer Uhrwerk, dann wird er einiges an Nerven lassen. Zeitangaben, Kilometerangaben oder Preise werden gerne mit dem Zusatz »mas o menos«, also mehr oder weniger, angegeben. Ganz viele Sachen klappen – aber oftmals Pazifische und karibische Badefreuden locken eben irgendwie und irgendwann. Da wird halt vieles sehr locker gesehen. Andrerseits gibt es jedoch auch Gebiete, auf denen man so pingelig ist, dass preußische Beamte wie Schlaffis rüberkommen. Das ist beispielsweise so, wenn vermutet wird, dass man ohne entsprechende Genehmigung aus einem der Nachbarländer eingereist ist oder von Seeseite her. Das mag natürlich auch daran liegen, dass die Routen der südamerikanischen Drogenhändler auch durch Costa Rica führen. Für Touristen aus der EU oder der Schweiz reicht nämlich eigentlich ein Reisepass, der noch sechs Monate über das Einreisedatum hinaus gültig sein muss. Auch was die Sicherheit angeht, sollte man keine europäischen Verhältnisse zu Grunde legen. Erhöhte Aufmerksamkeit ist beispielsweise an den Busbahnhöfen gefordert, denn dort hält sich oftmals nicht gerade die Creme des Landes auf. Auch wenn man mit dem Mietwagen unterwegs ist – ein Allradfahrzeug ist bei den lokalen Verhältnissen sicher nicht abwegig – sollte man tunlichst überhaupt kein Gepäck im Fahrzeug lassen. Aber das empfiehlt sich ja auch in manchen Gegenden von Spanien oder Italien, von Osteuropa ganz zu schweigen.

69 Einmaliges Erleben Es ist also ratsam, etwas vorsichtig zu sein. Dennoch sollte man dieses eigentlich sichere Land unbedingt besuchen, wenn man Reichtümer erleben möchte. Nicht im Sinne der frühen Konquistadoren Anfang des 16. Jahrhunderts, die die Gegend »Costa Rica y Castillo de Oro«, also »reiche Küste und Schloss aus Gold«, nannten. Es stellte sich nämlich alsbald heraus, dass es hier kein Gold oder Edelsteine zu holen gab. Die wahren Schätze des Landes bestehen nicht aus Bodenschätzen. Vielmehr bieten eine abwechslungsreiche Geographie sowie die Flora und Fauna heute einen Anziehungspunkt erster Güte. Natürlich kann man in Costa Rica auch einfach nur am Palmenstrand liegen – denn davon gibt es genug. Man kann sich sogar aussuchen, ob man lieber an den Gestaden des Pazifiks oder der Karibik die Seele baumeln lässt. Wer das allerdings ausschließlich tut, der verpasst so einiges. Wie zum Beispiel den Stirnlappenbasilisken. Ich kannte Basilisken eigentlich nur aus der Mythologie – und ehrlich gesagt auch von Harry Potter. Aber es gibt diese erstaunlichen Wesen tatsächlich. Sie sehen aus wie Fabelwesen oder Dinosaurier im Mini-Format. Auch kommen die kleinen knallgrünen Echsen, besser gesagt Leguane, nur hier in Mittelamerika vor. Die Stirnlappenbasilisken fressen neben Pflanzen auch Schnecken oder Frösche. Sie können hervorragend schwimmen und tauchen. Gelegentlich werden sie auch Jesus-Echse oder englisch Jesus- Christ-Lizard genannt, weil sie tatsächlich eine Weile über das Wasser laufen können. Verbreiterte Zehen, die Luftpolster bilden, wenig Gewicht und erstaunliche Schnelligkeit machen’s möglich. Doch es gibt auch noch jede Menge weitere Tiere in den Nationalparks des Landes. Mittlerweile steht mehr als ein Viertel Costa Ricas unter Naturschutz. Das Viel Natur wenig Mensch wird die Leguane freuen, denn die wurden früher gerne verspeist, weil sie offenbar so ähnlich wie Hähnchen schmeckten. Mittlerweile stehen aber auch diese Echsen unter Naturschutz. Erstmal ’ne Runde abhängen Doch nicht allein geschuppte Wesen wie Echsen und Krokodile führen ein paradiesisches Leben in den Nationalparks. Wer meint, er wäre ein Meister im Abhängen, der hat noch keine Faultiere erlebt. Die hängen ständig mit dem Rücken zum Boden in den Baumkronen und bewegen sich in Zeitlupe und müssen sich nach jeder Anstrengung erst einmal lange erholen. Das ist zurückzuführen auf einen extrem niedrigen Stoffwechsel, der wiederum durch die energiearme Blattnahrung bedingt ist. In Costa Rica gibt es beide Arten von Faultieren: die Zweifinger- und Dreifinger-Faultiere. Wer diese seltsamen Wesen von Nahem erleben möchte, der kann eine der Aufzuchtstationen besuchen. Ansonsten gibt es eine ganze Menge Faultiere in freier Wildbahn. Ich denke, ich alleine hätte dennoch weder Faultiere noch Leguane, Krokodile oder Basilisken und nicht einmal die Affen selbst entdeckt, obwohl die Brüllaffen ordentlich Radau machen. Die Tiere sind ihrer natürlichen Umgebung so gut angepasst, dass das ungeschulte Auge sie nicht bemerkt, auch wenn man in zwei Metern Entfernung daran vorbei kommt. Aber dafür gibt es die Touristenführer, die sich zum Teil mit Laser-Pointern bewaffnet haben, damit sie die Tiere zeigen können, die den Besuchern nicht auffallen. Am bequemsten ist sicherlich die Besichtigung der Parks per Boot. Da in Costa Rica eigentlich alle Wege nicht nach Rom, sondern in die Hauptstadt San José führen, war es lange recht kompliziert, zu den Parks zu gelangen. Mittlerweile hat man einige Bahnstrecken wieder flott gemacht und transportiert damit nicht mehr die Arbeiter zu den Bananenplantagen und von dort wieder zurück an die Küste, sondern die Touristen zu den Parks. Das ist zwar nicht besonders bequem für den Besucher, dafür aber umso uriger. Und außerdem ist man oft nach wenigen Metern schon im Dschungel. Doch nicht nur Freunde des Urwaldes kommen in dem kleinen Land auf ihre Kosten, denn die Berge des Landes erheben sich in bis zu dreieinhalbtausend Metern Höhe. Auch Vulkane finden sich in den Cordilleras. Die Hauptstadt liegt auf einer Hochebene knapp 1200 Meter über dem Meeresspiegel. Entsprechend ist das Klima auch nicht einheitlich. Und so lässt sich die Frage nach der besten Reisezeit nicht eindeutig beantworten. Grundsätzlich gibt es zwei Jahreszeiten: eine Regenzeit und eine Trockenzeit. Die fallen jedoch unterschiedlich aus. Und selbst in der Trockenzeit kann es ordentlich regnen – nicht umsonst ist es überall so schön grün. Die Küsten in der Karibik und am Pazifik sowie die Bergregionen weisen eine Vielzahl verschiedener Mikroklimata auf, aus denen eine Fülle verschiedener Ökosysteme resultieren. Die nachgewiesenen 500.000 Arten des Staates sind vier Prozent der weltweit angenommenen Arten, was Costa Rica zum Land der größten Biodiversität macht. Für den Urlauber bedeutet das tropische Klima, dass die Temperaturen, abgesehen von den Bergregionen, im Land immer 29 oder 30 Grad betragen, egal ob es regnet oder nicht. Auch die fantastischen Landschaften und die Tiere sind zu jeder Jahreszeit zu erleben. Und dann sind da auch die Bewohner von Costa Rica, die Ticos, wie sie sich selbst nennen. Die erlebt der Reisende als freundlich, entspannt und immer zu einem Schwätzchen aufgelegt. Zumindest die jüngeren sprechen meist auch Englisch – wobei Spanisch, auch wenn es wenig und nicht besonders gut ist, die Herzen der Ticos natürlich öffnet!

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

© 2020 lokalpioniere
Impressum / Datenschutz