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Das Stadtgespräch Dezember 2018

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70 Das

70 Das Stadtgespräch Das Märchenschloss Zu Besuch im Königswinkel Tour 480 – Einlass 14:40 Uhr informiert uns unser Ticket, das uns zwölf Euro pro Nase gekostet hat. Das ist ein Euro billiger als der Normalpreis, denn wir zahlen als Gäste in Schwangau schließlich Kurtaxe und haben die Gästekarte. Später kommt noch die Gebühr fürs Parken und natürlich der Bustransfer mit günstigen 1,50 Euro pro Person und Strecke hinzu. Aber wir wollten ja unbedingt auch mal das Schloss Neuschwanstein sehen, das Märchenschloss des bayerischen Königs Ludwig II. Das sehen jährlich zwei Millionen Besucher und damit dürfte das Schloss, das Walt Disney als Vorlage zu seinem Cinderella-Schloss diente, eines der meist besuchten Sehenswürdigkeiten Deutschlands und Europas sein. Für Besucher aus anderen europäischen Ländern ist es eine erstklassige Fotogelegenheit. Auch die Amerikaner lieben es und für Reisende aus Asien scheint es ein absolutes Muss auf der streng durchgetakteten Europareise zu sein. Viele Japaner und mittlerweile noch mehr Chinesen fotografieren das Schloss – besser gesagt sich und das Schloss und das in verschiedensten personellen Zusammensetzungen. Aber ich will nicht lästern, ist doch die Selfie-Epidemie längst ein weltweites Phänomen. Der Michael Jackson des 19. Jahrhunderts Als wir den Blick über die Parkplätze im Ort Hohenschwangau zu Füßen des Schlosses schweifen lassen, beglückwünschen wir uns zu der Entscheidung, weder im Sommer noch im Winter zur Ski-Saison ins Allgäu gefahren zu sein. Es gibt zwar eine Schlange vor dem Ticketschalter – ohne Ticket kann man das Schloss nicht besichtigen und ohne Führung auch nicht – aber die ist überschaubar. Und auch der Weg zum Schloss, der von der Bushaltestelle immerhin noch zehn Minuten bis eine Viertelstunde auf und ab geht, vor allem auf, ist nicht überlaufen. Wer auf Schusters Rappen den Schlossberg anderthalb Kilometer hinaufsteigt braucht eine Dreiviertelstunde. Durch eine Sicherheitsschleuse geht es dann auf die Sekunde pünktlich zur Führung, die in einer guten halben Stunde kreuz und quer und die steilen Wendeltreppen hoch und runter führt. Und auch das ist perfekt durchorganisiert, denn alles läuft zügig ab, Fotostopps gibt es nicht, weil fotografieren nicht erlaubt ist. Und Besucher, die weder deutsch noch englisch verstehen, und das sind viele, bekommen kleine Apparate in die Hand gedrückt, die die Führung in ihrer Sprache wiedergeben. Und dann ist staunen angesagt. Nicht nur, dass das Schloss wirklich traumhaft liegt, es ist auch tatsächlich märchenhaft ausgestattet. Die Eltern von Ludwig II. verbrachten ihre Sommer im Schloss Hohenschwangau. Von dort aus blickte Ludwig auf den steilen Pöllatfelsen, den heute Neu- Erinnert an die Lautenmachertradition

71 Darmatisch überspannt die Marienbrücke die rauschende Schlucht. schwanstein krönt, das erst nach Ludwigs Tod so genannt wurde. In einer atemberaubenden Mischung aus mittelalterlichen Versatzstücken und der Opulenz von Rokokobauten ließ der Kini, wie er bayerisch noch heute genannt wird, eine Traumwelt mit überwiegend germanischen Helden- und Sagenmotiven entstehen. Überall finden sich das Unglückspaar Tristan und Isolde, Parzival der Gralssucher oder auch Tannhäuser und natürlich der Schwanenritter Lohengrin, der sich in Wolfram von Eschenbachs Epos »Parzival« aus dem frühen 13. Jahrhundert findet und den Wagner in seiner Oper von 1850 verewigte. Mit Blick auf Sankt Mang diesen Helden identifizierte sich Ludwig, an der Moderne des 19. Jahrhunderts litt er und versuchte ihr in seinen Traumwelten zu entfliehen Zu denen gehörte übrigens eine künstliche Grotte im oberen Teil des Schlosses beinhalteten, mit Wasserfall und allem. Insofern ist der gelegentlich geäußerte »Ludwig II. ist der Michael Jackson des 19. Jahrhunderts« nicht ganz von der Hand zu weisen. Wohnschloss, Märchenschloss oder Traumschloss? Dabei ließ sich Ludwig von so etwas wenig Heldenhaftem wie finanziellen Erwägungen nicht abhalten, ein Schloss nach dem anderen zu bauen. Das verschlang natürlich Unsummen und diente allein den Launen des Herrschers, der sich als König von Gottes Gnaden sah. Ludwig erachtete sich nämlich keineswegs als ersten Diener des Staates, sondern eher in der Tradition des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV., der sich in seiner absolutistischen Pracht auch von Finanzsorgen nicht bremsen ließ. Die Bewunderung des Bayern für den Franzosen führte im Übrigen dazu, dass sich Ludwig mit Wagner überwarf, der glühender Anti-Semit und Nationalist war und damit natürlich auch den Erzfeind Frankreich verabscheute. Ob Wagner wusste, dass seine ach so deutschen Helden aus der altfranzösischen Dichtung kamen? Bei seinen Ministern war Ludwig mehr als unbeliebt. Zwar war er ein Arbeitstier und arbeitete offenbar auch nächtelang durch, doch hatte er weder ein glückliches Händchen für Politik noch für den Umgang mit Menschen, was für eine konstitutionelle Monarchie aber durchaus von Nöten gewesen wäre. Schließlich hatte der König jede Menge repräsentative Aufgaben. Und danach ist Neuschwanstein auch ausgelegt, denn alles zeugt von Prunk, auch wenn die großen bunten Edelsteine in den Kronleuchtern aus Glas sind, denn dafür reichte das Budget am Ende dann doch nicht. Doch im prächtigen Sängersaal wurde nur für den König selbst gesungen – ein Jammer bei dieser Akustik. Ludwig hat nur wenig Zeit auf Neuschwanstein verbracht, zusammengerechnet nicht einmal ein halbes Jahr. Das Schloss war auch nicht wirklich als Wohnschloss gedacht, sondern war eher eine großartige Inszenierung – allerdings nur für eine Person!

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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