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Das Stadtgespräch Dezember 2017

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Das Stadtgespräch Dezember 2017

70 Das

70 Das Stadtgespräch Vor Anker in Budapest Budapests Markthalle Tradition, Weltoffenheit oder Abschottung? Nächster Donaustopp ist Budapest, die ungarische Hauptstadt. Die Stadt ist wenig älter als 150 Jahre. Zwar geht die Besiedlung der Stadt auf Skythen, Thraker und Kelten zurück – die Römer waren selbstverständlich auch dort, aber zum richtigen Aufschwung der Stadt kommt es erst unter der habsburgischen k-und-k. Monarchie. Die Sissi-Filme bieten ein (selbstverständlich verkitschtes) Bild dazu. Doch auch abgesehen von verklärender Romantik, ist die Stadt sehenswert. Zur Einhundert-Jahrfeier der ungarischen Landnahme wurden 1896 breite Boulevards angelegt, die der Stadt auch den Spitznamen »Paris des Ostens« einbrachten. In dem gelungenen Bestreben, Budapest zur Weltstadt zu machen, entstanden monumentale Bauwerke wie das grandiose Par- lamentsgebäude, das sich an den englischen Houses of Parliament orientiert, die pompöse Oper oder auch die weltberühmte Kettenbrücke, die abends angestrahlt wirkt, und so wirkt, als schwebe sie über der Donau. Natürlich sind ein paar Stunden bei weitem nicht genug, um die ungarische Hauptstadt kennen zu lernen, aber man gewinnt schon einen Überblick über das hügelige Buda, dessen Burgberg die gute Stube der Stadt darstellt, und das flache Pest, das den quirligen Teil der Stadt bildet mit seinen Einkaufsstraßen, Cafés und Restaurants. Sehr bequem ist auch, dass die Schiffe direkt in der Stadt anlegen, sodass man zu Fuß die Sehenswürdigkeiten erkunden kann. Die Markthallen von 1890 bieten sogleich einen Eindruck von dem, was die Hauptstadt zu bieten hat. Natürlich gibt es auch jede Menge Souvenirs, aber lokale Spezialitäten und auch Snacks aller Art machen Appetit auf mehr. Die Markthallen markieren auch den Anfang oder das Ende der langen Einkaufszone, in der übrigens auch ein Blick in die Hinterhöfe lohnt, denn dort haben sich Restaurants und witzige Kneipen angesiedelt. Außerhalb der großen Stadt wirkt Ungarn jedoch streckenweise tatsächlich so, als sei die Sissi-Zeit noch nicht lange vorbei. Dem Touristen wird natürlich auch das klassische Ungarnbild vorgesetzt mit Zigeunern, die mit halbwilden Pferden über die Puszta-Ebene donnern, während im Restaurant der Stehgeiger melancholische Weisen spielt. Aber die Show ist nicht nur inszeniert und damit auch sehenswert. Die Reitkünste der Männer in ihren traditionellen Trachten sind wirklich beeindruckend – vor allem für jeden, der selbst schon geritten ist. Und auch die Beziehung zur bäuerlichen Tradition scheint mir weit ungebrochener zu sein als bei uns. Trachten und Volkslieder scheinen eine wichtige Rolle zu spielen. Vielleicht liegt das auch daran, dass die vielen Fremdherrscher, unter denen die Ungarn zu leiden hatten, gerade wegen der Rückbesinnung auf die eigene Tradition nicht wirklich Fuß fassen konnten. Doch das bunte internationale Treiben bei den Puszta-Show oder in Budapest kann nicht darüber hinweg täuschen, dass Ungarn, EU- Mitglied seit 2004, eine Politik, die nicht nur die Pressefreiheit erheb- lich einschränkt, sondern auch eine Zuwanderungspolitik betreibt, die von Fremdenfeindlichkeit geprägt ist. So weigert sich Ungarn ebenso wie die Slowakei, ihren Teil der Flüchtlinge zu übernehmen, wie es die EU vorsieht. Ministerpräsident Orbán trifft damit offenbar die Meinung der Mehrheit seiner Landsleute. Und selbst der Tourist bekommt davon etwas zu spüren, denn die Grenzkontrollen zu Serbien sind selbst auf der Donau so, dass jeder einzelne Reisende vor den Zollbeamten anzutreten hat – Kreuzfahrer, deren Durchschnittsalter bei dieser Reise bei jugendlichen 69 lag, sind ja für die häufigen Selbstmord-Sprengstoffanschläge bekannt! Auf dem Hinweg zum Schwarzen Meer fand die Kontrolle am Nachmittag statt, was etwas lästig war. Auf der Rückfahrt wurden alle Passagiere um drei Uhr morgens aus dem Bett geholt und traten dann überwiegend im Schlafanzug und im Nachthemd zur Kontrolle an. Einige Passagiere waren mit dieser Schutz-Maßnahme für den Schengen-Raum sehr einverstanden – für mich herrschte ein mulmiges Gefühl vor, denn alte Leute, die sich im Schlafanzug vor schneidig-arroganten Uniformträgern ausweisen müssen, kenne ich eher als Büchern über den zweiten Weltkrieg… Die nächste Ausgabe führt uns dann nicht gerade in den Orient, aber auf den Balkan. Und dort erlebt man Europa ganz anders als bei uns im Westen.

71 0,1 Liter Bier – Prost! WATT NICH ALLE GIBT WATT NICH ALLE GIBT Ein Stößchen bitte Wer in Dortmund um ein Stößchen bittet, ist keineswegs ein Sittenstrolch. Auch zählt er nicht zu der Schickeria wie vielleicht in München, wo man beim Anstoßen mit Champagner gerne »Stößchen« sagt. In Dortmund hat Stößchen nichts mit High Society zu tun, sondern eher mit der Arbeiterklasse, ursprünglich jedenfalls. Es handelt sich nämlich um ein Glas, das nach oben weiter wird. Um ein Bierglas genauer gesagt. Als Dortmund noch reine Industriestatt war, in der unter anderem Stahl gekocht wurde, trennte die Köln-Mindener Eisenbahn die Innenstadt von der Nordstadt. Und da jede Menge Güterverkehr herrschte, mussten die Leute oftmals vor geschlossenen Schranken warten, wenn sie nach Hause wollten. Den recht langen Wartezeiten – schließlich waren die Güterzüge lang und langsam – standen relativ kurze Öffnungszeiten der Schranken gegenüber. Und in denen musste man zusehen, dass man auf die andere Seite gelangte. Ein findiger Wirt erkannte, dass die Leute zwar einerseits nach der Arbeit durstig waren, dass sie aber andrerseits keine Zeit für ein richtiges Bier hatten. Er erfand das Stößchen, ein kleines Bier, das zwischendurch getrunken werden konnte. Andere Wirte schlossen sich an, besorgten sich ebenfalls kleine Gläser für das schnelle Bier zwischendurch. Heute gibt es die Güterzüge nicht mehr, wohl aber das Stößchen. Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn nicht genau festgelegt wäre, wieviel Fassungsvermögen welches Gefäß hat. Traditionell hatte das Stößchen-Glas zwischen 0,1 und knapp 0,2 Litern Inhalt. Auf Grund einer Beschwerde eines Gastes der Ratsschänke griff das zuständige Eichamt Hagen 2004 zu, denn der Biertrinker hatte offiziell Beschwerde eingelegt. Die Stößen-Gläser hatten nämlich keinen Eichstrich. Das widersprach natürlich in eklatanter Weise der Kennzeichnungspflicht nach dem Eichgesetz – ein unhaltbarer Zustand. Dem wurde natürlich unverzüglich abgeholfen, sodass heutige Stößen-Gläser alle einen Eichstrich haben, etwa in der Mitte des Glases bei 0,1 Liter. Dennoch wird natürlich nach wie vor in der gefühlten Menge verkauft. Biergläser mit 0,1 Litern Inhalt sind übrigens auch in Köln bekannt, wo sie Stössje heißen oder in Hannover, wo sie unter Tönnchen laufen. Na da Prost!

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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