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Das Stadtgespräch Ausgabe Januar 2017

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74 Das

74 Das Stadtgespräch In der Frauengasse In der Marienkirche Dem polnischen Papst wird noch heute gehuldigt. wurden sie im Zweiten Weltkrieg zerbombt und nach dem Krieg in liebevoller Kleinarbeit wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt. Ebenso wie die Häuser der Pfeffersäcke kündet das Wahrzeichen Danzig von der Vergangenheit der Stadt. Das Krantor, das nach Originalentwürfen wieder aufgebaut wurde, war zugleich Stadttor und – der Name besagt es – Lastenkran, Doppelhalbrundturmtor ist der fachmännische Name dafür. Schön zu sehen ist heute der Antrieb der imponierenden und weltweit bekannten Anlage, denn das Hebewerk aus dem 14. Jahrhundert verfügt über zwei Paar Treträder mit dem größten Durchmesser aller bekannten Tretradkräne von sechseinhalb Metern. Das dürfte also das größte Hamsterrad der Welt sein. Für die damalige Zeit erstaunliche Lasten von bis zu vier Tonnen konnten damit gehoben werden. Heute ist das Krantor an der Uferpromenade natürlich die Top- Sehenswürdigkeit. Aber auch die Uferpromenade selbst ist sehenswert. Neben den wunderbar restaurierten Bauten ist auch in hervorragender Weise für Leib und Seele gesorgt, denn Restaurants und Cafés bieten lokale und internationale Spezialitäten an. Das gilt auch für die schon erwähnte Prunkstraße, den Langen Markt. Parallel dazu verläuft die Frauengasse (ul. Mariacka), auch sie ist Fußgängerzone und lädt zum Flanieren ein. Vielen gilt sie als schönste Straße Danzigs. Doch auch nach den Ordensrittern und der Hanse ging es Danzig durchaus gut. Von 1454 bis 1793 war sie Freie Stadtrepublik unter polnischer Oberhoheit. Aus dieser Zeit stammen imposante Gebäude wie der Artushof aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Direkt davor steht der Neptunbrunnen, der nicht zufällig an italienische Kunstwerke erinnert. Der damalige Bürgermeister Danzigs hatte sich auf einer Italienreise inspirieren lassen und holländische Bildhauer setzten seine Ideen in der Bronzestatue um. Begrenzt wird der Lange Markt von einem weiteren sehr interessanten Bau, den man für eine Kirche halten könnte. Es handelt sich dabei allerdings um das Rechtstädter Rathaus (Ratusz Głównego Miasta), das ursprünglich schon im späten 15. Jahrhundert errichtet worden war, dann aber 1556 niederbrannte und im Stil des Manierismus neu gebaut wurde. Mehr Einwohner als Wien und Hamburg Um 1650 war die Stadtrepublik Danzig mit geschätzten 80.000 bis 100.000 Menschen die bevölkerungsreichste Stadt mit deutschsprachiger Einwohnerschaft vor Wien, Augsburg, Köln oder Hamburg. Nur so ist zu verstehen, dass mit der Marienkirche (Bazylika Mariacka) die größte Backsteinkirche der Welt errichtet werden konnte. Auch der gewaltige Turm ist mit rund 80 Metern Höhe imponierend. Dabei ist die Marienkirche nur eine der dreizehn gotischen Kirchen Danzigs. Die Hallenkathedrale ist nicht weniger als 105 Meter lang und im Querschiff 60 Meter breit. Erbaut wurde sie zwischen 1343 und 1502. Sie hat ein unglaubliches Fassungsvermögen von 25.000 Menschen. Bis 1945 war sie übrigens evangelisch – diese Tatsache fand bei der Führung, die wir dort mitgemacht haben, übrigens keine Erwähnung. Betont wurde dagegen, dass eine Sektion der Kirche für Papst Johannes Paul II. reserviert ist. Johannes Paul II., bürgerlich Karol Józef Wojtyła, wurde 1920 in Wadowice geboren und verstarb 2005 in der

75 Hier schoppt Danzig. Nach Bernstein muss man nicht lange suchen. Vatikanstadt. Der erste slawische Papst der Geschichte war von 1978 bis zu seinem Tod 26 Jahre und 5 Monate Oberhaupt der römischkatholischen Kirche. Noch immer ist er in Polen heiß geliebt, wohl auch, weil ihm eine maßgebliche Rolle bei der Beendigung des Sozialismus in Polen zugeschrieben wird. Im April 2014 wurde Johannes Paul II. von Papst Franziskus heiliggesprochen, was wohl auch denjenigen Polen, die mit Religion nicht viel am Hut haben, stolz macht. Es gibt in Polen sogar Souvenirläden, die ausschließlich Päpstliches anbieten. Als Gast sollte man sich daher mit kritischen oder ironischen Kommentaren ein wenig zurückhalten. Von 1815 bis 1919 war Danzig mit Unterbrechungen preußisch. Die Preußen ermittelten auch zum ersten Mal, wie viele Einwohner welche Sprache als Muttersprache sprachen und kamen 1831 zu dem Ergebnis, das 24 Prozent der Bevölkerung polnisch oder kaschubisch und 76 Prozent deutsch sprachen. Zwischen den Weltkriegen schließlich war Danzig nicht mehr Teil des Deutschen Reichs und stand als Freie Stadt unter dem Schutz der Alliierten, was ihr im Krieg bekanntlich nicht viel nützte. Die Stadt fiel mit dem Einmarsch Hitlers ans Deutsche Reich, für Polen, Kaschuben und Russen, die in der Stadt und Umgebung lebten, begannen harte Zeiten. Am schlimmsten traf es natürlich die Juden, die seit 1933 verfolgt worden waren und von denen viele in Konzentrationslagern umgebracht wurden. Im Zuge der Rückeroberung wurden rund 90 Prozent der Baustruktur zerstört. Eine Tatsache, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, denn die Stadt wirkt einerseits historisch gut erhalten und andrerseits modern. Die jungen Leute können natürlich kein Deutsch mehr, das in der Zeit des Kommunismus verpönt war und dessen Gebrauch teilweise unter Strafe stand. Aber dafür kann das junge Volk oftmals Englisch, das längst zur ersten Fremdsprache geworden ist. Während die Verständigung in ländlichen Gebieten manchmal schwierig werden kann, sind im modernen Danzig die Einwohner auf ausländische Touristen eingestellt, von denen viele aus Deutschland oder den Niederlanden, viele auch aus Skandinavien oder dem englischsprachigen Ausland kommen. Und so bleibt die Stadt das, was sie über Jahrhunderte war: bunt, was Völker und Sprachen angeht – und auch das Leben überhaupt. Praktische Tipps Danzig liegt nicht gerade um die Ecke. Von uns aus sind es je nach Route 930 bis 960 Kilometer. Das ist etwas viel für einen Wochenendausflug. Bei der Anreise per Auto empfiehlt sich ein längerer Aufenthalt. Danzig liegt an der Ostsee, etwas nördlich findet man das Seebad Sopot, das für den Besucher zusammen mit der noch etwas nördlicher gelegenen Hafenstadt Gdingen (Gdynia) wie eine einzige Stadt wirkt. Auch im Rahmen einer Tour durch das Baltikum sollte Danzig eine Station sein. Schneller geht es natürlich mit dem Flieger. Mit Wizz Air von Dortmund aus kommt man für schmales Geld nach Danzig, Flugzeit anderthalb Stunde. Dann gibt es natürlich auch Busreisen und andere Pauschalangebote, für die man sich am besten im Reisebüro erkundigt. Schließlich ist Danzig auch im Rahmen einer Ostseekreuzfahrt oftmals Ziel. Dabei sollte man sich im Klaren sein, dass man in Gdingen landet, denn nur dort haben die großen Pötte Platz. Wenn man nur einen Tag an Land hat, sollte man das vielleicht nicht auf eigene Kappe machen.

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