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Das Stadtgespräch Ausgabe Dezember 2020

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Mein Rheda-Wiedenbrück und Das Stadtgespräch. Stadtmagazin für Rheda-Wiedenbrück Dezember 2020

Thomas Gerke

Thomas Gerke Malermeister Franz-Hitze-Str. 20 59302 Oelde-Stromberg www.gerke-malermeister.de info@gerke-malermeister.de Tel.: +49 2529 949 13 56 Fax.: +49 2529 949 13 57 Mobil: +49 171 181 1887 Maler- und Bodenbelagsarbeiten V Vom Aussterben der Wörter Mofa-Fahrer treibt Schabernack mit dem Diaprojektor Wer die Überschrift dieser Glosse versteht, ist entweder nicht mehr jung oder jung und weiß eine Menge über Vergangenes. Gut, die anderen könnten immer noch nachgoogeln, denn das Internet ist ja nicht nur Plattform für allen möglichen Blödsinn, sondern auch eine gewaltige Bibliothek. Und in der kann man auch ausgestorbene Wörter ausfindig machen. Denn es sterben ständig Wörter aus, immer schon. Das hat verschiedene Gründe. Beamer für analoge Bilder Die eine Art des Aussterbens ist sozusagen die natürliche. Wenn es die Sache nicht mehr gibt, gerät auch das Wort in Vergessenheit. Obwohl die Sprache auch gelegentlich konservierende Wirkung hat, denn wer weiß heute noch, was ein Kerbholz war – obwohl mir zumindest die Formulierung »Der hat was auf dem Kerbholz« durchaus bekannt ist. Kerbholz war im Mittelalter eine Art Zählliste, in die man Kerben für bestimmte Beträge machte. Oft wurde das Holz der Länge nach geteilt, damit der Schuldner und der Gläubiger je eine Hälfte bekamen und die Kerben und damit die Summe nicht nachträglich manipuliert werden konnten. Doch zurück zur Gegenwart. Vor einiger Zeit habe ich Jugendlichen gegenüber gesagt, dass ich ihnen ein paar Bilder zeigen könnte, ich dafür aber einen Diaprojektor holen müsste, um die Dias zu zeigen. »Was ist denn das – ein Diaprojektor?«. Während ich noch überlegte, wie ich dieses unbekannte Gerät beschreiben sollte, kam ein cleveres Kerlchen mir zu Hilfe: »Das ist so eine Art Beamer, mit dem man analoge Bilder projektieren kann«. Wen kümmert es da, dass der erste Kleinbild-Diaprojektor von Leitz schon 1926 auf den Markt kam? Das Ding ist so gut wie ausgestorben – zum Glück habe ich noch einen. Ähnlich wird es dem Mofa ergehen. Das ist fast so alt wie der Diaprojektor, denn die ersten Motorfahrräder wurden Ende der Zwanzigerjahre entwickelt – der letzten Zwanzigerjahre natürlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann das »Fahrrad mit Hilfsmotor«. Der Durchbruch für das Mofa kam allerdings erst ab 1965, denn ab dann ermöglichte es der Gesetzgeber, dass man die motorisierten Zweiräder, die nicht schneller als 25 km/h sein durften, führerscheinfrei fahren durfte. Zudem wurde auch das notwendige Alter der Fahrer auf 15 herabgesetzt. Helmpflicht war natürlich damals Fehlanzeige, die gab es erst seit 1985. Der Boom der Mofa, es hieß bei uns übrigens immer die Mofa, Plural: die Mofas, hielt bis in die Achtzigerjahre an. Auf dem Höhepunkt der Popularität gab es 25 Hersteller, die knapp 150 Modelle anboten. Diese wurden 1 Mofa mit Prilblumen 50 Das Stadtgespräch

dann gerne mal illegaler Weise frisiert, weil 25 km/h manchem dann doch zu wenig waren. Wer sein Gefährt nicht gar so ernst nahm, der verzierte es mit Prilblümchen, die dieser Tage auch nur noch im Verborgenen blühen. Heute braucht man für das Mofa-Fahren eine Prüfbescheinigung, was die Sache wohl uninteressant macht. Jedenfalls können nur noch Menschen, die vor 1965 geboren sind, ohne Mofa-Führerschein ein solches Gefährt fahren. Und gebaut werden Mofas auch nicht mehr, die Motor-Roller oder Scooter haben sie längst abgelöst. träumet«. Es ist schon erstaunlich, wie viele Ausdrücke es schon früher für Unsinn gab. Zum Beispiel Kokolores. Das ist mindestens seit dem 16. Jahrhundert bekannt. Etymologen, als Sprachwissenschaftler, die die Wortherkunft erforschen, vermuten dass das Wort auf das Kikeriki des Hans zurückgeht. Das heißt ja auch nichts. Wörter, die wir nicht mehr brauchen Als Erklärung für das Verschwinden von Wörtern, die nicht Vergessenes beschreiben, finden Sprachwissenschaftler eine einfache Erklärung: wir brauchen sie nicht mehr. Oder wir ersetzen sie durch Wörter, die gerade angesagt sind. Als Beispiel werden High Heels genannt, also Stöckelschuhe. Denn es sind vor allem englische Ausdrücke diejenigen, die offenbar Altmodisches ersetzen. Das kann praktisch sein, denn das Englische kommt oftmals mit weniger Wörtern aus. Das kann aber auch affig sein, etwa wenn man den guten alten Hausmeister mit Facility Manager ersetzt. Doch manchmal sterben auch alberne Varianten aus. Vor einigen Jahren wurden bei uns in Deutschland ungefähre Preise immer mit round-about angegeben, wobei das englische R nicht jedermanns Ausspracheliebling ist. Der Ausdruck hat nicht einmal weniger Silben als »ungefähr«. Aber das round-about scheint tatsächlich auszusterben. Es besteht also Hoffnung. Ich hätte auch noch einen Vorschlag für ein deutsches Wort, das unbedingt aussterben sollte: zeitnah! Zeitnah, was soll das? Im Gegensatz zu zeitfern? Bald, zügig, schnell, kurzfristig – das muss doch erstmal reichen! Schabernack und Firlefanz Und was ist mit Schabernack? Das ist im deutschen Sprachgebrauch seit mindestens dem 14. Jahrhundert überliefert. Nach einer Deutung geht der Ausdruck auf die mittelalterliche Strafe für kleinere Vergehen zurück, nämlich das Rasieren oder eben Schaben des Nackens. Daran konnten dann alle eine Zeit lang erkennen, dass der Kahlnackige irgendeinen Blödsinn gemacht haben musste. Das letzte Mal ist mir das Wort in der deutschen Version des »Life of Brian« untergekommen, als Michael Palin als Pontius Pilatus sagt: Treipt das Volk etwa Schapernack. Ansonsten begegnet einem das Wort heute eher weniger. Das gleiche gilt für Firlefanz, ein, wie ich finde, wunderschöner Ausdruck für albernes Getue oder Überflüssiges aller Art. Das Wort geht auf das Hohe Mittelalter zurück. Der Virelai war ein altfranzösischer Springtanz, ein Reigentanz, der offenbar viel Vergnügen durch Hüpfen machte. Mittelhochdeutsch hieß der Tanz dann Firlei, später dann Firlifanz. Offenbar waren viele Menschen deutscher Sprache nicht so sehr für das Herumgehüpfe und der Firlifanz bekam eine ausschließlich negative Bedeutung. Im grammatisch-kritischen Wörterbuch der hochdeutschen Mundart von 1796 heißt es dazu: »Luther nennt einen Firlefanzer, der mit Worten umher Das Stadtgespräch 51

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