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Das Stadtgespräch August 2019

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Die aktuelle Ausgabe des Rheda-Wiedenbrücker Stadtgesprächs für August 2019

48 TIPPS

48 TIPPS Das Stadtgespräch JUGENDBUCH: ANNE FREYTAG »Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte« Wenn man sich so umhört, könnte man auf die Idee kommen, dass es heutzutage kaum einen Lebenslauf gibt, der nicht so aussieht: Nach dem Abi erstmal ein gap year, also ein Jahr Pause, in dem man so weit wie möglich weg von Deutschland reist. Das ist dann also Australien oder Neuseeland – letzteres vor allem seit den »Herr der Ringe«-Filmen. Diesen Trend gibt es schon ein paar Jahre – da stellt sich die Frage: Wann landet er in der Literatur? Die Antwort lautet: jetzt, denn Erfolgsautorin Anne Freytag hat einen gap year-Roman geschrieben, der in Australien spielt. Die Deutschen Rosa und Frank begegnen sich also am anderen Ende der Welt. Durch Zufall oder weil es so sein soll. Sie wollen, was alle wollen – sich darüber klar werden, wer sie wirklich sind. In dieser Beziehung sind sie sich ähnlich, doch in manch anderer Hinsicht sind sie auch grundverschieden. Rosa trägt ihr Herz gerne auf der Zunge, ist aber auch widersprüchlich. Frank dagegen ist eher der ruhige Typ, aber nicht weil er so cool ist, sondern vor allem aus Unsicherheit. Der Umgang mit Mädchen ist ihm alles andere als selbstverständlich. Bald schon merken die Beiden, dass sie sich ganz gut ergänzen. Da sie beide allein unterwegs sind, beschließen sie, gemeinsam weiterzureisen und einen alten Camper zu kaufen. Doch dann taucht unerwartet Franks bester Freund David auf. David ist so ziemlich alles, was Frank nicht ist: laut, witzig, offen, sicher im Umgang mit Mädchen, aus denen er sich ernsthaft nichts macht. Mit David ändert sich alles. Die Beziehungen werden komplizierter. Obwohl das jeder der drei sofort merkt, reisen sie zu dritt Tausende Kilometer durch Australiens Weiten. Dabei haben sie buchstäblich keinen Plan: weder, was den riesigen Kontinent angeht, noch wohin sie ihr kompliziertes Beziehungsgeflecht führen soll, das durch nicht aufgearbeitete Ereignisse in der Vergangenheit noch kompliziert wird. Als Leitfaden dient ihnen nur ihr Gefühl, das sich nicht um Konventionen schert. Die Altersempfehlung des eigentlich als All-Age eingestuften Romans, der wechselseitig von allen drei Figuren erzählt wird, ist ab 14 Jahren. Erschienen bei heyne>fliegt, 413 Seiten, 16 Euro. WIEDERENTDECKT: HERMAN MELVILLE »Mardi und eine Reise dorthin« Ich denke, ich gehöre zu einer Minderheit. Einer kleinen Minderheit, denn obwohl Herman Melvilles »Moby Dick« sehr bekannt ist, seit 1926 gab es acht Verfilmungen, die berühmteste von 1956 mit Gregory Peck als Captain Ahab, hat kaum jemand den Roman von 1851 tatsächlich ganz gelesen. Die Geschichte der besessenen Jagd nach dem weißen Wal macht nämlich nur einen kleinen Teil des Buches aus, einer Jugendbuchversion reichen dafür 80 Seiten. Und so richtig freiwillig habe auch ich mich ehrlich gesagt nicht durch die 1016 Seiten gekämpft, aber ich saß mehre- re Tage auf der Azoreninsel Sao Jorge fest, weil das Postschiff mehr als zwei Tage Verspätung hatte und mir die übrige Lektüre ausgegangen war. Also habe ich mich durch das Werk gekämpft, mit dem Melville das praktiziert hat, was der renommierte Übersetzer Rainer G. Schmidt zu Recht in seinem Nachwort zu »Mardi« die von Melville geübte Praxis des delirierenden Schreibens nennt. Diese Technik findet sich also auch in »Mardi«, dem Vorläufer von »Moby Dick«. Dabei passt unsere Kategorie »Alte Literatur wiederentdeckt« nicht ganz genau auf den zwischen 1847 und 1848 entstandenen Roman, denn tatsächlich kann man eher von einer Entdeckung sprechen, zumindest im deutschen Sprachraum. Es dauerte nämlich 150 Jahre, ehe eine deutsche Übersetzung auf den Markt kam. Doch selbst wenn es eine frühe Übersetzung gegeben hätte, wäre diese wohl ebenso wie die weiteren Werke Melvilles kein Bestseller geworden. Die Zeit war einfach noch nicht reif für die überbordenden Geschichten des weitgereisten Autors, der selbst alle möglichen Jobs vom Walfänger bis zu Zollinspektor wahrgenommen hatte. Erst Autoren wie James Joyce knüpften da an, wo Melville aufgehört hatte. Ist »Mardi« also keine Geschichte über eine fantastische Südseereise, wie man vermuten könnte? Doch, das ist der soeben bei Manesse erschienene Roman, 822 Seiten, Hardcover, 45 Euro, durchaus. Aber eben nicht nur das. Vielmehr hat Melville, dessen Geburtstag sich dieses Jahr zum 200. Mal jährt, die Abenteuergeschichte zu einer regelrechten Odyssee ausgeweitet. Es beginnt als klassisches Abenteuer: Der Erzähler desertiert von einem Walfänger, auf dem er erfolglos den Pazifik durchstreift hat. Das ist übrigens eine Erfahrung aus erster Hand bei Melville. Die Begegnung mit einer unwiderstehlichen Südseeschönheit, die er vor einem finsteren Ritual mächtiger Polynesier rettet, führt ihn zunächst nach Mardi. Mit dem fiktiven Mardi – die Orte zuvor gibt es größtenteils tatsächlich – beginnt dann die Reise zu weiteren Südsee-Idyllen. Und ab da legt Melville richtig los, denn seine stets in Geschichten verpackte Kritik an gesellschaftlichen Zuständen oder auch am menschlichen Wesen hat schon Dimensionen, die dem großen Fabulierer Jonathan Swift Ehre gemacht hätten. Der hatte seinen Kapitän Gulliver ja die tollsten Abenteuer erleben lassen, doch das Originelle an »Mardi« ist, dass der Leser die Übergänge zwischen Fakt und Fantasie ohne die klugen Kommentare oftmals nicht bemerken würde. Die Erläuterungen sind entweder als Fußnoten oder auch im Anhang zu finden. Die kann man lesen, muss es aber nicht, denn die Geschichten funktionieren auch so. Und wer über etwas Vorstellungskraft verfügt, der wird feststellen, dass »Mardi« etwas hat, was man bei »Moby Dick« vermisst, nämlich eine gehörige Portion Humor. ANDREAS WINKELMANN »Die Lieferung« Seit einigen Wochen hat Viola May das Gefühl, dass sie verfolgt wird. Immer wieder sieht sie einen Schatten in ihrer Nähe, doch sobald sie sich umdreht, ist er verschwunden. Und auch die

TIPPS 49 seltsamen Anrufe häufen sich. Zeitgleich bekommt es Kommissar Jens Kerner mit einem seltsamen Fall zu tun: Eine bleiche, abgemagerte und zutiefst verstörte Frau wird in den Harburger Bergen aufgegriffen. Sie spricht nicht, bis auf den immer gleichen Satz: »Darling, Licht meines Lebens«. Kerner und seine Kollegin Rebecca Oswald stehen vor einem Rätsel. Währenddessen wird Violas Angst vor ihrem mutmaßlichen Verfolger immer größer. Schließlich vertraut sie sich ihrer besten Freundin Sabine an. Die glaubt ihr, kann ihr jedoch nicht wirklich helfen. Viola traut sich kaum noch aus dem Haus, ihr Essen lässt sie sich nach Hause liefern. Und dann verschwindet sie spurlos. Das einzige, was übrig bleibt, ist eine unangetastete Pizza auf ihrem Küchentisch. Bei den Ermittlungen wird schnell klar, dass es zwischen Violas Fall und der bleichen Frau eine Verbindung gibt. Und dass die Kommissare es mit einem Täter zu tun haben, der ihre schlimmsten Vorstellungen übersteigt. Bestsellerautor Andreas Winkelmann hat mit seinem neuesten Thriller eines der spannendsten Bücher des Sommers geschrieben. Von Beginn an schafft er eine Atmosphäre, die dem Leser das Blut in Adern gefrieren lässt. Man rast nur so durch die Seiten, weil man unbedingt wissen möchte, was hinter der Geschichte steckt. Das Ende erwischt einen eiskalt und klingt noch lange nach. Erschienen ist »Die Lieferung« als Taschenbuch im Rowohlt Verlag, hat 400 Seiten und ist erhältlich in der Buchhandlung büchergüth für 9,99 €. HÖRBUCH: ANDREAS GRUBER »Herzgrab« Die Hörbuchversion des neuen Romans von Andreas Gruber ist keine Lesung, sondern ein Hörspiel. Die habe ich eigentlich nicht so gerne, zumal ich Hörbücher beim Autofahren höre, wobei mich die Geräuschkulisse der modernen Aufnahmen mit ihren ungeheuren technischen Möglichkeiten zuweilen erschreckt. Besonders komisch ist das, wenn die Figuren im Hörspiel Autofahren und ich auf das erste Hinhören nicht unterscheiden kann, ob im Buch oder im ostwestfälischen Verkehr gehupt wurde. Aber abgesehen davon ist »Herzgrab« sehr zu empfehlen – was natürlich auch an den tollen Schauspielern liegt, die das ungekürzte Hörspiel gestalten. Und natürlich ist die Geschichte des österreichischen Erfolgskrimiautors Gruber wieder einmal wirklich interessant. Die junge Wiener Privatdetektivin Elena Gerink hat den Ruf, bisher noch jede vermisste Person gefunden zu haben. Doch die Suche nach dem verschwundenen weltbekannten Maler Salvatore Del Vecchio gestaltet sich schwieriger als gedacht. Als überraschend ein letztes Gemälde von ihm auftaucht, weist ihr das den Weg in die drückende Schwüle der Toskana. In Florenz trifft Elena auf ihren in Trennung lebenden Mann Peter Gerink, der als Spezialist des Bundeskriminalamts nach einer in Italien verschwundenen Österreicherin sucht. Schon bald erkennen sie, dass die Ereignisse zusammenhängen – auf eine derart perfide und blutige Art und Weise, dass Elena und Peter dem Fall auch gemeinsam kaum gewachsen scheinen. Da hilft es auch wenig, dass die italienische Polizei eine zumindest undurchsichtige Rolle spielt. Oder steckt noch mehr dahinter? Ebenfalls wenig hilfreich ist es zunächst, dass Peter gezwungen ist, mit seinem Ex-Partner Scattoza zusammen zu arbeiten, mit dem Elena ihn betrogen hat. Aber Scattoza ist nun mal der einzige Polizist des Wiener BKA, der fließend Italienisch spricht. Beste Unterhaltung also verspricht dieser Mix aus Elementen, die von der Mafia bis zur Stasi reichen und jede Menge Lokalkolorit verbreiten, ohne dass man Mühe hätte, den Sprechern zu folgen. »Herzgrab« ist erschienen im hörverlag. MARKUS HUTH: »Mit 80 Viechern um die Welt« Gut, der Titel ist etwas geschummelt, denn anders als Phileas Fogg, dem gedanklichen Sohn des französischen Autors Jules Verne, ist der Autor und Fotograf Markus Huth nicht tatsächlich um die Welt gereist, und schon gar nicht mit 80 Tieren im Schlepptau. Aber er ist immerhin kreuz und quer über unseren Planeten gereist und hat als globaler Tiersitter gearbeitet. Da mag man sich fragen, was denn überhaupt ein Tiersitter ist. Nun, das ist so etwas wie der Babysitter, der ja schon lange auf anderer Leute Kleinkinder aufpasst. Oder so etwas wie der Housesitter, den es ebenfalls schon ein paar Jahre gibt und der auf die Häuser anderer Leute aufpasst, wenn diese länger unterwegs sind und ihr Domizil nicht gerne alleine lassen. Ein Tiersitter kümmert sich eben um Tiere und kann dabei ganz schön rumkommen, wie das soeben bei Penguin erschienene Taschenbuch – 335 Seiten, inklusive Mittelteil mit sehr schönen Fotos, 13 Euros – auf sehr unterhaltsame Weise belegt. Dabei hat Autor Huth keineswegs darauf hingearbeitet, Tiersitter zu werden. Vielmehr ist er zufällig darauf gestoßen, dass es eine weltweite Gemeinschaft gibt, die Leute sucht, die gegen Kost und Logis auf ihre jeweiligen Tiere aufpassen, die Tiersitter eben. Und einer von ihnen zumindest kann schreiben. So erfährt der geneigte Leser, was es mit den Westernpferden in Bulgarien auf sich hat, was das Problem des Schneeleoparden in Kirgisistan ist, wie es einem dicken Hund in Kanada ergeht, wieso die Elefantenpflege auf Sri Lanka nicht immer so einfach ist oder was der Arbeitswillige auf der Känguru-Insel in Australien erlebt. Und für diejenigen, die nach der Lektüre Lust bekommen haben, sich selbst als Tiersitter zu versuchen, gibt es am Ende des Buchs noch praktische Tipps. Der Autor selbst lebt übrigens auf La Gomera, wo er seine Lebenspartnerin kennengelernt hat – natürlich beim Tiersitten!

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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