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Das Stadtgespräch April 2019

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56 Das

56 Das Stadtgespräch Die kultigen Neunziger Wenn von den Neunzigern geredet wird, dann geht es manch einem wie mir, der denkt: »Das war doch gerade erst«. Allerdings ist das gerade erst schon zwei Jahrzehnte her. Manches aus dieser Zeit ist auch tatsächlich noch sehr gegenwärtig, jedenfalls wenn man alt genug dafür ist. An anderes kann man sich dagegen vielleicht nicht mehr gut erinnern. Da helfen wir Ihnen auf die Sprünge. Zum Beispiel mit der sehr abgedroschenen Phrase aus Fußballübertragungen »Ein Tor würde dem Spiel gut tun«. Das lässt sich doch über jedes Spiel sagen, am 1. April 1998 jedoch war dieser Satz so wahr wie nie zuvor oder danach. Vor dem Champions-League-Spiel zwischen Borussia Dortmund und Real Madrid kippte nämlich das Tor in der spanischen Hauptstadt um. Darauf war man nicht vorbereitet. Ein neues Tor musste herangeschafft und aufgebaut werden. Der Anpfiff verzögerte sich um 76 Minuten – und die Moderatoren des Abends, Günther Jauch und Marcel Reif, mussten die Zeit ohne Fußballbilder überbrücken. Daher der eben zitierte Satz, der genauso wie »Ein Tor ist bereits gefallen« vom selben Abend in die Fußball-Annalen eingegangen ist. Panik zum Ende des Jahrtausends Ebenso unvergessen ist auch die Panik, die vor der Jahrtausendwende herrschte. Da die Computer die Jahre zweistellig hochzählten, stand zu befürchten, dass sie mit 00 nicht fertig werden würden. Der Zusammenbruch mindestens des Stromnetzes, Flugzeugabstürze und Datenverluste in titanischen Ausmaßen wurden befürchtet und lautstark deklariert. Am Ende passierte nichts – aber nur, weil die Panik zu guter Vorbereitung geführt hat, behaupteten viele. Zumindest bei Verschwörungstheoretikern und mancher Sekte löste der 11. August 1999 ebenfalls Panik aus. Denn an diesem Tag gab es eine totale Sonnenfinsternis. Und die sind gar nicht mal so häufig – zumindest in unseren Regionen nicht. Die nächste totale Sonnenfinsternis steht im September 2081 an. Wie viel Aufhebens um die Sonnenfinsternis gemacht wurde, lässt sich schon daran ablesen, dass lange vor dem Ereignis die entsprechenden Schutzbrillen ausverkauft waren. Mit bloßem Auge ist es selbst bei einer to- talen Sonnenfinsternis keine gute Idee, direkt in die Sonne zu schauen. Als das Ereignis dann da war, waren vor allem die Tiere beeindruckt, denn die wussten natürlich nicht, warum es mitten an einem sonnigen Tag auf einmal so dunkel wurde. Spice Girls und Nirvana Kennen Sie die Band Ted Ed Fred? Nein? Dann vielleicht Pen Cap Chew? Auch nicht? Nein, war ein Spaß, denn die Band gab sich später den Namen Nirvana. Deren Album »Nevermind« fand das Rolling-Stone-Magazin eher so mittel. Drei von fünf Sternen gab es bei der ersten Bewertung – allerdings kürte das Magazin das Album später zum besten Album der Neunziger und hob es auf Platz 17 der besten Alben, die jemals veröffentlicht wurden. Aber das war dann geschätzte 75 Millionen Tonträger später. Nirvana steht für den Grunge, eine Musikrichtung, die wörtlich übersetzt so etwas wie Schmuddel bedeutet. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre entstand der Grunge an der US-amerikanischen Westküste, jedoch bezeichnender Weise nicht im sonnigen Kalifornien, sondern im nebeligen Staat Washington. Nach bescheidenen Anfängen gelang Nivana 1991 der Durchbruch mit dem Song »Smells Like Teen Spirit« und dem Album »Nevermind«. Selbst das Cover war weltberühmt mit dem nackten Baby im Pool, das einem Dollarschein hinterher zu schwimmen scheint. Sogar bei Beavis and Butthead traten sie auf – in den Neunzigern ein Ritterschlag. Im Januar 92 verkaufte sich das Album besser als Michael Jacksons »Dangerous«. Für viele war der Grunge die Wiederbelebung des Rock ‘n‘ Roll oder auch des Punk Rocks. Auch Heavy Metalund Hard Rock-Freunde konnten sich für die Band um Kurt Cobain erwärmen. 1994 war die Grunge- Welle allerdings schon wieder vorbei, der heroinsüchtige Cobain hatte seinem Leben ein Ende gesetzt – mit gerade einmal 27, womit er sich in bester Musikergesellschaft befand. Dem »Club 27« gehören außer ihm Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und seit 2011 auch Amy Winehouse an. Meines Wissens bester Gesundheit dagegen erfreuen sich noch heute die Spice Girls – wörtlich: Gewürz Mädchen, damals gerne auch Gewürz-Elken genannt. Die haben insgesamt »nur« knapp 60 Millionen Tonträger verkauft. Aber auch sie waren irgendwie Kult – wenn auch nicht bei Leuten, die auf Grunge standen, versteht sich! Die Spice Girls waren eine fünfköpfige britische Pop-Girlgroup. Die Band wurde 1994 in London geründet. 1996 veröffentlichen die Mädels ihre Debütsingle Wannabe, die in über 30 Ländern auf Platz eins der Charts landete und damit der Band internationale Bekanntheit verschaffte. Das Top of the Pops-Magazin verpasste den Frauen ihre Spitznamen, die sie dann weiter verwendeten. Melanie Brown, auch Mel B genannt, wurde Scary Spice, Emma Bunton war Baby Spice, die rothaarige Geri Halliwell wurde Ginger Spice, Victoria Adam, die sich später

57 den englischen Fußball-Superstar David Beckham angelte, war Posh Spice und Melanie Chisholm, die als Mel C nach der Auflösung die einzige nennenswerte Solo-Karriere hinlegte, galt als Sporty Spice. Damit war für jeden (Männer)-Geschmack etwas dabei. Aber auch die Mädels waren begeistert, sie identifizierten sich mit den frechen und dabei so erfolgreichen Girls. Ende der 90er war es aber vorbei mit der Girl-Power – auch wenn eine gemeinsame Tournee zehn Jahre später weitere 100 Millionen Dollar auf die Konten der Frauen spülte. Klar, dass so ein Erfolg auch Nachahmer fand. Die Deutsch-Rap-Gruppe Tic Tac Toe war kurzfristig auch frech und erfolgreich, wenn auch prollig oder vielleicht gerade deshalb. In ihrem Repertoire fanden sich so anspruchsvolle Titel wie »Ich find dich scheiße« oder »Verpiss dich«. 1995 gegründet war es aber schon zwei Jahre später wieder vorbei. Anke Engelke in ihrer Ricky-Parodie war mehr als sehenswert. Kevin oder Pulp Fiction Filmtechnisch hatten die Neunziger ebenfalls einiges zu bieten. Super erfolgreich war »Kevin allein zu Haus«, bei dem ein kleiner Junge in der Weihnachtshektik zu Hause vergessen wird. Die Idylle im Schnee, der übrigens aus Kartoffelbrei war, wird durch fiese Einbrecher gestört, die der clevere Kevin überlistet. Auf der anderen Seite des Spektrums steht natürlich »Pulp Fiction« von Quentin Tarantino. Da ich den Film damals ohne Vorwarnung gesehen habe, dachte ich ernsthaft, sie hätten beim Zusammenschnitt die Filmrollen vertauscht, da der Streifen die Gangstergeschichte nicht chronologisch erzählt und sich der Zuschauer den Handlungsablauf selbst zusammenbauen muss. Dennoch – oder gerade deshalb – ist der Film längst Kult. Und die Darsteller Samuel L. Jackson, John Travolta und Uma Thurman ebenso. Einen Kaffee, bitte Ist das jetzt ein flat white? Die Älteren unter uns werden sich erinnern, wie man früher einen Kaffee bestellt hat. Egal, ob im Café, im Restaurant, in der Kneipe oder auch in angesagten Läden, es reicht zu sagen: »Einen Kaffee, bitte«. Und dann bekam man einen Kaffee, Milch und Zucker standen auf dem Tisch oder dem Tresen. Wer mehr Kaffee wollte, bestellte noch ein Kännchen, es sei denn, er saß draußen, denn dort gab’s ja immer nur Kännchen, der Geier weiß warum. Wer kein Koffein wollte oder durfte hat sich Kaffee Hag bestellt. Den gab’s übrigens schon ab 1907. Wer heute allerdings einen Kaffee in einem angesagten Etablissement mit Großstadtflair möchte, der muss sich schon etwas mehr Mühe bei der Bestellung geben. Fangen wir mit dem einfachsten an, mit dem klassischen Filterkaffee. Dass dabei die Bestellung komplizierter wird, habe ich kommen sehen. Denn vor ein paar Jahren war ich in den USA, wo es sonst immer Kaffee der schwachen Sorte gab, der meist solange kostenlos nachgefüllt wurde, wie es die Blase ausgehalten hat. Doch plötzlich konnte man dort keinen Kaffee mehr bestellen, ohne die genaue Menge, das Ursprungsland und das Aroma zu nennen. Nachdem ich mich für die mittlere Menge entschieden hatte – das ist in den Staaten immer schon viel – und getippt hatte, dass Kaffee aus Costa Rica bestimmt lecker ist, blieb die letzte Frage. Sollte der Kaffee nach Vanille, Haselnuss, Karamell, Ahorn oder noch einem halben Dutzend Aromen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, oder nach zuckerfreier Vanille, Haselnuss und Karamell und so weiter schmecken? Meine vielleicht etwas genervte Antwort »Kann der Kaffee nicht einfach nach Kaffee schmecken?«, wurde mit einem missbilligenden »Dann also ohne Aroma« quittiert. Obwohl ich finde, Kaffee sollte schon Aroma haben, nur eben Kaffee- Aroma. War ich der irrigen Meinung, diese Absurdität würde sich in Europa nicht durchsetzen, wurde sie noch bei weitem übertroffen von Kaffee aus Profi-Kaffee-Automaten in Cafés, gegen die ich übrigens gar nichts habe! Aber was hat man verbrochen, wenn man einen Tall koffeinfreien Blonde Soja Latte bestellen muss? Dabei bin ich prinzipiell auch gar nicht gegen Fachsprache. Die hat ja durchaus ihre Berechtigung. Das habe ich schon als Teenager gedacht, als ich zum ersten Mal mit Leuten in Kontakt kam, die meinen Sport, das Judo, im Ausland praktizierten. Meine verzweifelten Versuche, die Große Außensichel ins Englische oder gar Französische zu übersetzen, scheiterten kläglich. Bis dann einer meiner Gesprächspartner meinte: »Meinst du den O-soto-gari«, ja genau den meinte ich. Sehr sinnvoll, diese Judo-Fachsprache. Bei anderen Fachsprachen bin ich mir da nicht so sicher. Warum spricht der Jäger von Schweiß, wenn er doch Blut meint? Das klingt dann nicht so brutal für nicht jagende Zuhörer? Oder warum sind Ohren nicht einfach Ohren, sondern Lauscher oder Luser? Im Grunde kann das nur so sein, damit Außenstehende nicht Bescheid wissen. Und anders kann ich mir das neue Kaffee-Sprech auch nicht erklären. Wer nicht cool genug ist, der kann halt nicht bestellen – zumindest nicht Blamage-frei. Denn schließlich will ich ja etwas vom Kaffeeverkäufer, oder nicht? Da war der nächste dumme Fehler von mir, ich meine natürlich den Barista oder die Barista. Also der Barista tut mir einen persönlichen Gefallen, wenn er mir ein koffeinhaltiges oder eben nicht koffeinhaltiges Getränk verkauft und kann daher auch ein Trinkgeld erwarten, weil ich ja an der Bar anstehen durfte oder was? Wer jetzt meint, dass die Kaffeebestellung zu kompliziert ist und sich lieber einen Tee bestellt, der ist natürlich mächtig von gestern, denn Tee heißt natürlich Chai wie in laktosefreiem Chai Latte. So, jetzt habe ich mich genug aufgeregt. Zur Beruhigung mache ich mir in meinem neuen Kaffeeautomaten im schicken Design mit dem unverzichtbaren Display erstmal einen flat white – vor einiger Zeit wäre das ein Kaffee mit Milch gewesen, kaum vorstellbar wie altmodisch das war…

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