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Das Stadtgespräch April 2018

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Themen der Ausgabe: Bürger- und Vereinemarkt in Wiedenbrück // Rückgang der Kriminalität // Krankenhaus-Notfallaufnahme wird missbraucht // Was Rheda-Wiedenbrücker Autohändler zu den drohenden Dieselfahrverboten sagen // Gastronomische Ausgehtipps // Jetzt tut sich was am Gänsemarkt // und viele weitere

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50 Das Stadtgespräch Die gewaltige Stadtmauer Carcasonne – Die Erfüllung aller Ritterträume Es liegt nicht so richtig auf dem Weg nach irgendwohin. Und zumindest von Mitte Julie bis Mitte August ist es auch zugegebener Maßen sehr touristisch. Doch ich finde, man sollte den Ort Carcasonne im französischen Südwesten unbedingt gesehen haben. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich schon in meiner Kindergartenzeit auf Ritterburgen stand. Na und da bin ich ja wohl kaum der einzige. Während andere Orte stolz auf eine Burg verweisen und Bilder aus dem Mittelalter herauf beschwören müssen, brauchen das die Bewohner von Carcasonne nicht, denn die gesamte Altstadt ist ein mittelalterlicher Traum. Für Ritterfilme braucht man keine Kulissen, denn Stadtmauer, Türme, Zinnen, Gräben, Stadttore, Zugbrücken, enge Kopfsteingassen und was sonst alles noch dazu gehört, ist an diesem Ort komplett erhalten. Kevin Costner hat hier seinen Robin Hood-Film ebenso gedreht wie Peter Hayams D’Artagnan mit Cathérine Deneuve, insgesamt hat Carcasonne als Kulisse für 200 Film- und Fernsehproduktionen fungiert. Zum ersten Mal war er übrigens 1908 Drehort für einen Kreuzritterstummfilm. Im Brennpunkt der Geschichte Warum das so ist wird unmittelbar klar, wenn man vom Parkplatz – die Altstadt ist nicht für Fahrzeuge des 21. Jahrhunderts ausgelegt – auf die gewaltige Stadtmauer zugeht, die die Festung auf einem Hügel umschließt. Am Fuße des Hügels liegt das moderne Carcasonne, das ungefähr so viele Einwohner wie Rheda-Wiedenbrück hat. Meine eingangs gegebene Einschätzung, dass man an Carcasonne nicht einfach so vorbeikommt, ist nur für ausländische Touristen richtig. Immerhin liegt der Ort an der direkten Verbindung zwischen Atlantik und Mittelmeer. Nach Narbonne sind es 60 Kilometer, nach Perpignan auch nur 70. Die spanische Grenze ist knapp 140 Kilometer entfernt, was für den Ort durchaus von Bedeutung war. In der Antike gehörte Carcaso, wie es damals hieß, zur Provinz Gallia Narbosensis – daher kommt natürlich der Name Narbonne. Somit waren seine Bürger im rechtlichen Sinn Römer. Caesar ließ hier ein Waffenlager anlegen. 462 übernahm der Westgote Theoderich II. die Herrschaft in diesem Gebiet – wobei »übernahm« sehr friedlich klingt. Die Westgoten hielten sich rund 300 Jahre an der Macht. Dann aber rückten die Sarazenen von Spanien aus an. Um 760 war es jedoch wieder vorbei mit der arabischen Herrschaft, denn Pipin der Jüngere eroberte das Gebiet und verleibte es dem Frankenreich ein. Die Stadt, die Anfang des 6. Jahrhunderts schon Bischofssitz war, wurde in der Folgezeit auch gräfliche Residenz. Hochburg der »Ketzer« Im Mittelalter wurde es erst recht interessant – aus dieser Zeit stammen auch die meisten der imposanten Bauten, die in Europa ihres gleichen suchen. 1067 fiel Carcasonne an den König von Aragon, der dem Grafen von Barcelona die Herrschaft übertrug. Der wiederum ließ die Familie Trencavel als Vizegrafen weitgehend autonom regieren. Mit dra-

51 Alles für die Nachwuchsritter matischen Folgen, wie sich zeigen sollte. Raimund-Roger Trencavel nämlich wandte sich von der römisch-katholischen Kirche ab und den Katharern zu. Deren Lebensweise war asketisch und sie wiesen persönliches Eigentum zurück, besonders auch das der Kirchenfürsten. Allein schon damit galten die Katharer als antiklerikal. Die Besinnung auf den eigentlichen Glauben gefiel vielen Menschen, vor allem angesichts des ausschweifenden Lebenswandels mancher Kirchenfürsten. Die Bewegung war in verschiedenen Ländern verbreitet, aber nirgendwo so intensiv wie im Süden Frankreichs. Raimund-Roger Trencavel war den Katharern gegenüber tolerant. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts waren viele der 4.000 Einwohner Carcasonnes Katharer. Für die Päpste war die Lehre der Katharer reine Ketzerei, versteht sich. 1179 wurden sie von Papst Alexander III. auf dem Dritten Laterankonzil erstmals verurteilt und exkommuniziert. Da die nach Meinung der Päpste irregeleiteten Katharer sich auch durch intensive Gespräche und den Kirchenbann nicht umstimmen ließen, wurde die Ermordung eines päpstlichen Gesandten zum Anlass genommen, einen Kreuzzug gegen die Ketzer zu starten. 1209 setzten sich Truppen in Bewegung und richteten Massaker unter den Andersgläubigen an. Auch Carcasonne wurde zwei Wochen lang belagert. Die trutzigen Mauern hielten zunächst, obwohl die Besatzung zu gering war für dauerhaft erfolgreichen Widerstand. Die Eingeschlossenen nutzten jedoch die Zeit und gruben Tunnel, die in die umliegenden Wälder führten. Als die Stadt dann schließlich kapitulierte, trafen die Truppen nur noch 500 Menschen an, vor allem Alte, Kranke und Kinder. Von denen ließ man 100 laufen und die restlichen 400 wurden hingerichtet. Die Katharer wurden noch jahrzehntelang verfolgt und galten um 1400 als ausgestorben. Carcasonne aber war ab der Mitte des 13. Jahrhunderts französisch. Ab dieser Zeit entstand auch die unbefestigte Unterstadt, was nicht bedeutete, dass die Stadt ihre militärische Bedeutung verloren hatte. Nach wie vor war sie Grenzfestung zwischen Frankreich und dem Königreich Aragon. Erst nach dem Hundertjährigen Krieg gegen England wurde die Festung nicht mehr genutzt. So verfiel die Altstadt nach und nach. Erst bei der romantisch angehauchten Wiederbesinnung auf das Mittelalter zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie zum ersten Mal restauriert – ein Prozess, der bis heute anhält. Das ist natürlich auch dadurch möglich, dass nicht weniger als vier Millionen Besucher jährlich aus aller Welt kommen, um die Stadt der Ritter zu sehen. Das findet, wie gesagt, vor allem in den Wochen der französischen Sommerferien statt. Sympathischer Tourismus Anders als man es vielleicht erwarten könnte, ist das Angebot für die Touristen nicht automatisch der reine Nepp. Viele Franzosen, auch die aus der Umgebung, kommen zu Besuch

Das Stadtgespräch - Magazin für Rheda - Wiedenbrück

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