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Das Stadtgespräch März 2016

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Magazin für Rheda-Wiedenbrück

12 Das

12 Das Stadtgespräch 2. AUSBILDUNGSFORUM BEI PRO ARBEIT 2. AUSBILDUNGSFORUM BEI PRO ARBEIT Warnung vor Konkurrenz zwischen Langzeitarbeitslosen und Flüchtlingen (Kem) »Kann unser Arbeitsmarkt die große Zahl von Flüchtlingen integrieren? Und was wird aus den Langzeitarbeitslosen (sie sind ein Jahr und länger auf der Suche nach einer Beschäftigung)?« waren die zentralen Fragen am 25. Januar 2016 beim 2. Ausbildungsforum des Vereins »Pro Arbeit« im Haus der Ausbildung, Am Sandberg. Für die Beantwortung der Fragen konnte der Pro Arbeit-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Brandner für die aus dringenden privaten Gründen verhinderte Geschäftsführerin Brigitte Kaese die kompetenten Gesprächspartner Heinrich Alt, Vizevorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit a. D., sowie Bernd Buchheit, ehemaliger langjähriger Leiter der Abteilung Arbeit und Arbeitsmarktpolitik im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, und Thomas Richter, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit, den 25 Gästen aus den Bereichen Arbeitsvermittlung, Bildung, Ausbildung und Integration von VHS, ASH, BA und Jobcenter etc. vorstellen. Die Anwesenden waren sich einig, aufgrund der Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt die Eingliederung der Langzeitarbeitslosen in die Arbeitswelt nicht hinten anzustellen. Direkte Konflikte am Arbeitsmarkt fürchtet Alt wegen der derzeit guten Konjunktur zwar nicht. Doch die Luft werde dünner. »Der Konkurrenzdruck für Langzeitarbeitslose wird mittelfristig stärker werden. Und insgesamt betrachtet wird es im unteren Drittel der Gesellschaft mehr Wettbewerb geben«, warnte Alt. Auf keinen Fall dürfe eine Zielgruppe gegen die andere ausgespielt werden, ergänzte ein Veranstaltungsteilnehmer. Gerade für Menschen, die lange Zeit nicht in Arbeit waren, gebe es aktuell zu wenig geeignete Hilfen. Hierzu müsse es auch von der Bundesebene neue Initiativen und Instrumente für die Jobcenter geben, so Buchheit. Bisherige Arbeitsmarktreformen haben vorrangig zu einer schnelleren Vermittlung von kurzzeitigen Beziehern der Versicherungsleistung des Arbeitslosengeldes I geführt. Die alte Bundesregierung hatte die öffentlich geförderte Beschäftigung von Arbeitslosengeld-II-Empfängern massiv zurückgefahren, so dass es aktuell nur noch wenige Fördermöglichkeiten für Langzeitarbeitslose gibt. Für diese ist ein staatlich geförderter Job (2. Arbeitsmarkt) oft die letzte Hoffnung. Er ist geeignet, den Rückweg in die Arbeitswelt zu ebnen. Doch die Zahl der geförderten Jobs für Langzeitarbeitslose ist alleine zwischen 2013 und Ende 2015 von 140.000 auf 84.000 zurückgegangen. Den weitaus größten Teil der im Dezember geförderten Anstellungen machten mit 76.000 die Ein-Euro-Jobs aus. Arbeitsministerin Andrea Nahles hatte Ende 2014 ein Sonderprogramm für 33.000 Langzeitarbeitslose angekündigt. Im Dezember 2015 zählte dieses Programm aber nur 2.278 Teilnehmer. Allein auf intensive Beratung und Jobvermittlung der Betroffenen zu setzen, führe in vielen Fällen nicht weiter. Seit mehreren Jahren stagniere die Zahl der Langzeitarbeitslosen bei rund einer Million. Insgesamt waren im vergangenen Dezember 2,7 Millionen Menschen ohne Job (Arbeitslosenquote 6,1 %). »Ich habe nicht die Illusion, wir könnten eine Million Langzeitarbeitslose – zumal zu Mindestlohnbedingungen – erfolgreich in den Arbeitsmarkt integrieren. Beim Weg dorthin könnten Zwischenschritte erforderlich sein«, gab Alt zu bedenken. Der ehemalige Manager setzte sich zugleich für einen gleitenden Einstieg von Langzeitarbeitslosen ins Arbeitsleben ein. Mehr als eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. Die Agen-

13 tur für Arbeit, die Jobcenter und die Städte richten nun, im Gegensatz zu früher, zentrale Anlaufstellen, die Integration Points, für arbeits- bzw. ausbildungssuchende Flüchtlinge ein. Sie schaffen darüber hinaus ein Netzwerk mit Handwerkskammern und anderen Institutionen. Die Kooperation soll es ermöglichen, dass Menschen, die über ausreichende Qualifikationen verfügen, in Zukunft schnellstmöglich in einer Beschäftigung unterkommen. Geringqualifizierte hingegen werden schrittweise an den Arbeitsmarkt herangeführt. Aus gut unterrichteten Kreisen wissen wir, dass die beteiligten Stellen im Kreis Gütersloh schon seit Längerem eine gute Zusammenarbeit pflegen. Gespräche zur Bildung eines Integration Points sind angelaufen. Dass Deutschland sein Fachkräfteproblem durch den Zuzug von Flüchtlingen lösen kann, ist kaum zu erwarten. Alt sprach bei der Qualifikation der Flüchtlinge von einer »Riesenspreizung«. Die Eingliederungschancen von einem traumatischen Analphabeten aus dem Irak unterschieden sich naturgemäß erheblich von denen eines syrischen Arztes, sagte er. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stellte 2013 bei einer nicht repräsentativen Stichprobe fest, dass 8 bis 13 % der Flüchtlinge einen akademischen Abschluss und 24 % über einen mittleren Bildungsabschluss verfügen. Über ein Drittel der Flüchtlinge haben nur eine Grundschul- oder gar keine Schulbildung. Weniger als 30 % verfügen über einen Berufsabschluss und 58 % haben keinerlei Berufsausbildung. MdB Thomas Bareiß sagte jüngst im Bundestag, dass 15 bis 20 % der Menschen weder schreiben noch lesen können. Die Arbeitsministerin Andrea Nahles räumte bei den Etatberatungen für 2016 ein, dass nicht einmal jeder Zehnte die Voraussetzungen mitbringe, um direkt in Arbeit und Ausbildung zu kommen. Darüber hinaus ist es vorrangig für das Bestehen auf dem Arbeitsmarkt, dass die Flüchtlinge von Anfang an die deutsche Sprache erlernen, ggf. berufsbegleitend. Nahles schätzte Ende des vergangenen Jahres, dass 2016 etwa 35 % (V. l.) Thomas Richter, Klaus Brandner, Heinrich Alt und Bernd Buchheit der Schutzsuchenden Arbeit finden und rund 65 % auf Hartz IV angewiesen sein werden. Im Jahr 2015 ist die Arbeitslosigkeit von Menschen aus den wichtigsten nichteuropäischen Herkunftsländern jahresdurchschnittlich um 38 % oder 21.000 Personen auf 76.000 gestiegen. Zuletzt waren rund 600.000 offene Stellen gemeldet. Vor dem Hintergrund, dass 70 % der jungen Flüchtlinge die Ausbildung abbrechen, mahnte Alt, dass sie »die Ausbildung auch beenden sollten«. Nach Erhebungen aus der Vergangenheit waren nach einem Jahr knapp 10 % der Migranten beschäftigt, nach fünf Jahren 50 %, nach zehn Jahren 70 %. Richter forderte, dass wir jetzt möglichst viele Flüchtlinge »soweit bringen, dass sie 2017 in den Arbeitsmarkt treten können«. Man müsse auch darüber nachdenken, die Chancen des zweiten Arbeitsmarktes zu nutzen, fügte er an. Arbeitsmarktforscher, Gewerkschafter und viele Politiker warnen vor einer Spaltung des Arbeitsmarkts: Wenn Flüchtlinge bevorzugt eingestellt würden, weil für sie geringere Löhne gezahlt werden könnten, würde das die Gesellschaft weiter aufrühren.

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