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Das Stadtgespräch Dezember 2015

Das Magazin für Rheda-Wiedenbrück

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58 Das Stadtgespräch Ankunft am Bosporus Verkehrschaos ist normal. Istanbul zur kalten Jahreszeit Wenn man doch immer so reisen könnte. Nicht im dröhnenden Flieger sitzend, die Wolkendecke reist auf, irgendwelche Vororte, vorzugsweise Industriestandorte, kommen in den Blick und schon hoppelt man mit quietschenden Reifen über das Rollfeld und entsteigt wenig später dem Fluggerät, um sich auf einem Flughafen zu orientieren, der überall auf der Welt liegen könnte. Nein, diesmal sind wir reisetechnisch privilegiert, denn wir reisen von Italien mit dem Schiff nach Istanbul, haben also fast zwei Tage Zeit, uns auf das Reiseziel zu freuen. Wie auf Bestellung taucht morgens die Großstadt aus dem Frühnebel. Das Gute an der Balkonkabine ist, dass man im Pölter an die frische Luft zum Beobachten gehen kann und sich nicht erst umziehen muss, um zu unchristlicher Zeit an Deck zu gehen. Und wie auf Bestellung tauchen im Häusermeer die ersten spitzen, schlanken Türme auf und lassen die Klischees von Tausendundeiner Nacht lebendig werden. Fehlt nur noch der fliegende Teppich. Erst nach und nach kommen die Konturen zur Geltung und erst allmählich wird klar, dass Istanbul eine der wenigen Städte ist, die selbst auf den Wasserwegen verstopft ist – wobei dieses Verkehrschaos weitaus malerischer ist als sein Pendant an Land. Es dauert eine Weile, bis wir angelegt haben, dem Goldenen Horn direkt gegenüber, aber diese kurze Zeit reicht schon, um mich von dieser Stadt restlos zu begeistern. Natürlich führen viele Wege nach Istanbul, der bequemste und schnellste ist logischer Weise der Luftweg. Mit dem Auto geht es natürlich auch, aber das dauert dann schon eine Weile, der Balkan ist nicht schnell durchquert, und ob ich mich durch den Verkehr der 15 Millionen-Metropole zwängen muss, weiß ich nicht. Nein, ist gelogen, ich weiß es: Das will ich auf keinen Fall! Wenn Autofahren in Istanbul sein soll, dann soll das der Taxifahrer machen! Und die Reisezeit spielt natürlich ebenfalls eine Rolle, denn man kann sich natürlich gerne im Sommer auch bei 38 Grad durch Menschenmassen schieben, aber das kann man besser haben. Es spricht eine Menge dafür, Istanbul in der Nebensaison, also in der kalten Jahreszeit zu besichtigen. Der überwiegende Teil der Besucher, und das sind immerhin etwa 11 Millionen im Jahr, wodurch Istanbul zu den zehn beliebtesten Zielen für Städtereisezielen weltweit zählt, kommt von Frühjahr bis Herbst. Doch selbst im tiefsten Winter liegen die Temperaturen am Bosporus meistens noch zumindest gerade noch im zweistelligen Bereich. Und natürlich hat man nicht das Problem, das sich in anderen Touristendestinationen stellt, wenn keine Saison ist, nämlich, dass alles geschlossen ist. In Istanbul ist immer alles auf – allein schon für die Einwohner selbst. Selbstverständlich sollte man sich nicht einbilden, man könne die Stadt an einem Wochenende erkunden und kenne sie dann. In meinem Bekanntenkreis habe ich mehrere Leute, die jedes Jahr für mehrere Wochen in die Stadt reisen, die auf zwei Kontinenten liegt, also sowohl in Europa als auch in Asien, und die entdecken jedes Mal etwas Neues, auch wenn sie natürlich längst ihre Lieblingsorte haben. Doch immerhin liegen die weltbekannten Sehenswürdigkeiten relativ kompakt, sodass auch der Kurzbesucher zumindest schon einmal eine Idee von der faszinierenden Stadt bekommt. Von der Galata-Brücke aus lässt sich die Altstadt Istanbuls sehr gut zu Fuß erkunden. Das Viertel wird auch die Museumsinsel genannt, obwohl es sich bei diesem Stadtteil weder um eine Insel – treffender ist da die berühmte Bezeichnung Goldenes Horn – und schon gar nicht um ein großes Freilichtmuseum handelt. Die drei wohl berühmtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt liegen hier um den Sultanahmet- Platz. Vielleicht am besten den Hauch der Geschichte erlebt man in der Hagia Sofia – die man sofort an ihrem markanten Äußeren und in der Hauptsaison an ihren end-

59 Wassertaxi Die berühmte Hagia Sofia zur Nachsaison ... losen Besucherschlangen erkennt. Die rötliche Hagia Sofia war die größte Kirche der Christenheit. Im 6. Jahrhundert erbaut, muss sie in ihrer gewaltigen Architektur Besuchern aus dem Norden den Atem genommen haben. Während dort die Kathedralen erst ein halbes Jahrtausend später gen Himmel strebten, symbolisierte die gewaltige Kuppelbasilika kirchliche und natürlich weltliche Macht zugleich. Kaiser Justinian soll den Bau ab 532 persönlich und täglich beaufsichtigt haben. Doch es waren noch ein paar Leute mehr mit dem Bauprojekt, das nur knapp sechs Jahre in Anspruch nahm, beschäftigt, die Rede ist von rund zehntausend Arbeitern. Das Ziel der Übung wurde absolut erreicht, denn die Menschheit hatte einen solchen Bau zuvor nie erlebt. Die Spannweite der Kuppel beträgt mehr als 30 Meter und vom Fußboden aus erhebt sie sich bis in 55 Meter Höhe – das beeindruckt selbst weit gereiste Touristen noch heute, scheint die gewaltige Kuppel doch durch den besonderen Lichteinfall der raffiniert angeordneten Fenster bedingt in der Höhe zu schweben. Das Innere der Kirche erinnert vor allem daran, dass die Hagia Sofia direkt nach der Eroberung durch die Osmanen 1453 zur Moschee wurde und das auch ein halbes Jahrtausend blieb. 1935 schließlich wurde der Bau zum Museum erklärt, was er noch heute ist. Zur Zeit des Vierten Kreuzzugs (1204), den Venedig geschickt zuerst gegen die orthodoxen Glaubensbrüder am Goldenen Horn lenkte, beschrieb ein gewisser Villehardouin, der als Eroberer der Peloponnes in die Geschichte einging, die Eindrücke der Kreuzritter so: »Sie konnten gar nicht glauben, dass es eine so prächtige Stadt in der Welt gab, als sie die hohen Mauern und die vielen Türme sahen, von denen sie ganz umschlossen war; und diese prächtigen Paläste und hohen Kirchen, von denen es so viele gab, dass keiner es glauben konnte, wenn er es nicht mit seinen Augen sah /…/ und wisset, dass es keinen so Verwegenen gab, dem nicht das Herz erzitterte, und das war kein Wunder; niemals war von Menschen ein so großes Werk unternommen worden, seitdem die Welt geschaffen wurde.« Natürlich hielt das die Kreuzritter nicht davon ab, die Stadt zu erobern und ausgiebigst zu plündern – Brüder im Glauben hin oder her. Damals hatte Konstantinopel um die 350.000 Einwohner, also sieben Mal so viel wie Paris oder Rom! Die Reste der gewaltigen Stadtmauer, Stadtmauern müsste man sagen, denn sie war an allen wichtigen Stellen gedoppelt, kann man noch immer besichtigen – am besten zu sehen vom Wasser aus, das haben Kreuzritter und Kreuzfahrer bei ihren doch sehr unterschiedlichen Besuchen Istanbuls gemein. Die Perspektive vom Wasser aus haben übrigens nicht nur Kreuzfahrer, sondern auch alle diejenigen, die sich per Boot oder Schiff von einem Stadtteil in den nächsten schippern lassen. Das ist oftmals eine gute Idee, hat man doch so nichts mit den verstopften Straßen zu tun. Wo wir schon mal bei der Geschichte sind: Istanbul gibt es natürlich schon sehr viel länger als zur Zeit der Kreuzfahrer. Das liegt wohl vor allem an der idealen strategischen Lage am Ausgang und Eingang zum Mittelmeer und dem Schwarzen Meer. Doch auch den Landweg von Asien nach Europa und umgekehrt kontrolliert, wer am Bosporus sitzt. Das hatten schon die Griechen erkannt, die 660 v. Chr. Byzantion am europäischen Ufer gründeten. 513 eroberte der Perserkönig Darius I. die Stadt, 35 Jahre später besetzten sie die Spartaner, anschließend trat sie dem Attischen Seebund bei. Philipp II., der Vater Alexanders, belagerte die Stadt ohne Erfolg. Im zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt wurde sie zum Bundesgenossen Roms. 400 Jahre später wurde sie zerstört, hatte sie doch den falschen Römer unterstützt. 258 schließlich plünderten die Goten sie. Erst 324 vereinigte Konstantin I. das Römische Reich und 330 hieß die Stadt Nova Roma (Neu Rom), aber bald schon hieß sie nach dem Kaiser Konstantinopel (Stadt des Konstantin). Die Stadtfläche Caritas. menschlich sein muss!

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