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Das Stadtgespräch Dezember 2015

Das Magazin für Rheda-Wiedenbrück

46 portraitserie

46 portraitserie Das Stadtgespräch Von Angesicht zu Angesicht Eine Portrait-Serie mit Menschen in Rheda und Wiedenbrück Von Andreas Kirschner Michelle Monkenbusch Andreas Kirschner: Mit dieser Portrait-Serie möchte ich kleine Brücken schlagen. Wen aus dem Schwester-Stadtteil schlagen Sie vor für ein weiteres Portrait und warum wählen Sie gerade diese Person aus? Michelle Monkenbusch: Ich habe jemanden gefunden, der ganz nah an der Grenze zwischen den Stadtteilen wohnt. Er heißt Hendrik Babbe und hat bestimmt eine ganz eigene Meinung zum Thema. Hendrik Babbe Geboren: 1993 Beruf: Bürokaufmann Foto: am 23.10.2015 in Rheda Andreas Kirschner: Der Schriftsteller Burkhard Spinnen dichtete in seiner Ode an die Stadt: »Ruhe – aus Dauer und aus menschlichem Maß« sei das, was Rheda und Wiedenbrück gemeinsam haben, trotz aller Unterschiede. Wo finden Sie Ruhe? Hendrik Babbe: Am meisten hier zu Hause und im Probenraum, den ich zusammen mit einigen Musikern habe. Ich mache seit 18 Jahren Rockmusik und kann dabei einfach gut abschalten. Das ist für mich ein Ventil um Ruhe zu finden. Wir spielen Hardrock, aber auch sehr oft ruhigere Sachen. Wenn wir einen schlechten Tag hatten, dann fangen wir gerne mit härteren Titeln an. Wir spielen dann drauf los, aber so, dass es zusammen passt. Oft landen wir bei ruhigeren Stücken. Letztens haben wir sogar versucht, Brahms Ungarische Tänze zu improvisieren und unseren modernen Instrumenten anzupassen. Es hat nicht ganz so funktioniert, aber der Versuch war interessant. Dabei schalte ich ab und kriege den Kopf wirklich frei. Das Abschalten können ist nicht von Orten abhängig. Doch hier zu Hause ist es tatsächlich mein Zimmer. Dann nehme ich mir die Zeit, schnapp’ mir ein gutes Buch und lese mal wieder. Andreas Kirschner: Warum leben Sie in Rheda-Wiedenbrück und nicht irgendwo anders? Hendrik Babbe: Ganz einfach. Ich komme ursprünglich aus Gütersloh. Meine Eltern stammen aus Norddeutschland und sind nach Stationen in Süddeutschland aufgrund eines Jobangebots in Gütersloh gelandet. Später waren sie der Meinung, dass wir Kinder uns nicht so gut entfalten könnten und so haben sie hier in Rheda-Wiedenbrück gebaut. Das war eine sehr gute Entscheidung, weil ich Rheda-Wiedenbrück sehr schön finde. Ich bin sehr gerne unterwegs, aber ich muss zugeben, ich komme noch viel lieber zurück nach Hause. Das ist so ein bestimmtes Gefühl, ausgelöst dadurch, dass ich den Großteil meines Lebens hier verbracht habe und so viele Erinnerungen an diesem Ort hängen. Hier ist meine Familie, hier sind meine Freunde und das ist halt mein Zuhause. Letztens wurde ich gefragt, ob ich nicht in die Nähe von Freunden nach Gütersloh ziehen wolle. Für mich kam das nicht in Frage. Nein, ich möchte in Rheda- Wiedenbrück bleiben. Das ist quasi meine Mutterstation. Andreas Kirschner: Gibt es etwas, dass Sie stört an Ihrer Stadt und das Sie hier und jetzt ändern würden, wenn Sie völlig frei entscheiden dürften? Hendrik Babbe: Es stört mich gar nicht viel und das Wenige ist eigentlich nicht der Rede wert. Was Hendrik Babbe ich ändern würde, ist das Angebot für Jugendliche. Mir ist aufgefallen, dass zwar einiges angeboten wird, sich das Programm aber oft wiederholt. Ich würde das Angebot mehr variieren und den Jugendlichen mehr Spielraum für ihre kreative Entfaltung verschaffen. Für Erwachsene, das muss ich leider sagen, wird ein bisschen mehr angeboten als für das junge Volk. Ansonsten ist Rheda-Wiedenbrück keine riesige Stadt, sondern von der Größe gerade perfekt, um sich wirklich richtig wohl zu fühlen. Wenn das nicht so wäre, dann hätte ich wahrscheinlich tausende Dinge auszusetzen. Andreas Kirschner: Wenn Sie über Ihre Stadt nachdenken und vielleicht auch etwas rumspinnen dürfen, was erträumen Sie sich für die Zukunft von Rheda- Wiedenbrück? Hendrik Babbe: Diese Frage ist wirklich kniffelig. Kann ich den Publikumsjoker nehmen? Wir haben viele Fahrradwege, aber es wäre schön, wenn die Leute noch Foto: Andreas Kirschner mehr Fahrrad fahren würden. Ich erträume mir eine starke Initiative für noch mehr Fahrradnutzung, denn viele kurze Wege in unserer Stadt werden noch mit dem Auto gemacht. Bei genauer Betrachtung merkt man, dass zu viele Autos rumfahren. Ich merke es bei mir selbst. Wenn ich von Rheda nach Wiedenbrück muss, nehme ich das Auto, weil es bequemer ist und ich genauso lange brauche. Anders wäre es, wenn es eine Art Radschnellweg gäbe und ich mit dem Rad schneller wäre. Heute muss ich an viele Stellen stoppen, um dem Autoverkehr den Vorrang zu geben oder ich muss auf Fußgänger Rücksicht nehmen. Eine echte schnelle Verbindung zwischen Rheda und Wiedenbrück, die dem Fahrrad den Vorrang geben würde, könnte viele Leute zum Umdenken bringen. Eine andere Idee ist eine Art Panoramaoder Kulturweg für Fußgänger als kurze und schöne Verbindung zwischen den beiden Innenstädten zu schaffen. Als direkte Verbindung und nicht so geschlängelt wie die

portraitserie 47 Wege durch die Flora, sollte die Panoramaroute deutlich ausgeschildert sein und hervorstechende Punkte im Stadtbild hervorheben. Die Route sollte gezielte Einblicke in Rheda-Wiedenbrücks Sehenswürdigkeiten und in das Leben hier vermitteln. Es sollte deutlich werden, dass die Stadt mehr zu bieten hat als den HIT-Markt und die Flora. An markanten Punkten sollte der Fußgänger über Schautafeln mehr erfahren können und die Geschichte hinter den Dingen kennenlernen. Wenn das cool dargestellt wird, könnte man tatsächlich auch junge Leute interessieren und positiv stimmen. Andreas Kirschner: Was halten Sie von den Vorurteilen, die die Stadtteile gegenseitig pflegen? Hendrik Babbe: In der Grundschule war das für mich am schlimmsten, weil wir gerade nach Rheda-Wiedenbrück gezogen waren. Für mich war quasi alles neu und ich wusste nicht, wo ich hingehöre, ob ich nun Rhedaer oder Wiedenbrücker war. Wir wohnten und wohnen kurz hinter der Autobahn, die für viele die Grenze ist. Andere Aussagen waren, dass historisch gesehen Rheda mit dem Schlosspark beginnt. Da steht man dann als überforderter Sechsjähriger und sagt sich »Ja, klasse! Und jetzt?« Damals war meine Lösung zu sagen »Ich komme aus Gütersloh«. Ich bin mir bis heute nicht sicher, wo genau die Grenze verläuft und werde das auch nicht hinterfragen, denn mein Standpunkt ist »Ich komme aus Rheda- Wiedenbrück.« Ich wohne halt in einer Doppelstadt und mit dieser Stadt mit dem Doppelnamen identifiziere ich mich. Vorurteile habe ich weder gegenüber Wiedenbrück, noch gegenüber Rheda. Andreas Kirschner: Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an Rheda und an Wiedenbrück? Gibt es Kindheitsabenteuer, die Sie mit den Stadtteilen verbinden? Hendrik Babbe: Aus meiner Kindheit fällt mir beispielhaft der Karneval ein. Ich hatte mich mit Freunden getroffen und es war vereinbart gewesen, dass wir uns alle verkleiden. Der einzige, der verkleidet zum Treffpunkt kam, war ich selbst. Ich kam mir vor wie der letzte Affe! Heute verbinde ich Karneval mit beiden Stadtteilen, weil man sich mit unterschiedlichen Freundeskreisen trifft und den Umzug in beide Ortsteile erleben kann. Zu jedem Stadtteil gibt es die gleiche Geschichte noch einmal. Irgendwie ist alles gedoppelt, dadurch, dass ich Freunde in Rheda und in Wiedenbrück habe. Andreas Kirschner: Wann entlockt Ihre Stadt Ihnen kleine oder große Glücksmomente? Hendrik Babbe: Regelmäßig! Es sind die kleinen Dinge, die mich wirklich erfreuen können. Wenn ich mit Freunden während der Herbstkirmes oder ähnlichen Veranstaltungen unterwegs bin, dann kommen Menschen aus Rheda und aus Wiedenbrück zusammen. Man trifft flüchtige Bekannte, man grüßt sich oder man winkt kurz. Gerne denke ich auch an die Zeit während meiner ersten Ausbildung 2012 zurück. Damals begegnete mir jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit ein älterer Herr mit seinem Rollator. Einfach aus Respekt vor dem Alter habe ich jeden Tag »Guten Morgen« gesagt. Anfangs bekam ich keinen Gruß zurück, aber das war mir egal. Je öfter ich das gemacht habe, um so freundlicher wurde der Mann und irgendwann war unsere eigentlich zufällige Begegnung wie ein allmorgentliches Ritual. Er wusste genau wann ich zur Arbeit gehe und hat an der Straße gewartet. Ich weiss nicht, ob es den Herrn noch gibt, aber er hat sich immer gefreut. Diese Glücksmomente finde ich wunderbar und darüber kann ich mich noch abends im Bett vor dem Einschlafen freuen. Ich fühle mich auch wirklich immer in Rheda-Wiedenbrück willkommen, egal wo ich bin oder was gerade passiert. Das liegt an den Menschen, die sehr aufgeschlossen und offen sind.

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